Prekärer Wohlstand und gesellschaftliche Orientierungslosigkeit als guter Nährboden für Marketing

Angst, prekärer Wohlstand, Intimitätsverlust und gesellschaftliche Orientierungslosigkeit sind guter Nährboden für progressives Marketing

Zerfall der Grenze zwischen dem öffentlichen Raum und der Privatsphäre

Eine Herleitung der Entwicklung von toleranten bildungsbasiert-selbstbewussten Gesellschaften zu verletzten Bürgertümern, der Bildung von Parallelgesellschaften und den daraus resultierenden Marketingchancen.

 

Der Zerfall der Öffentlichkeit gepaart mit technologischen Fortschrittsexplosionen verursachen Angst und daraus ableitbaren ungesunden Opportunismus in den Bevölkerungen. Sie sind die Ursachen für die Verletzlichkeiten und Einsamkeiten der Erst-Land-Gesellschaften. Das menschliche Überlebens- und Angst-Verhalten beschleunigt das Eintreten der gefürchteten Lebenslagen. Dies ermöglicht Unternehmen einen einfachen weil standardisierbaren Zugang zur individuellen Intimsphäre. „Seelenheilende“ Produkte und Services werden die Verkaufszahlen stärker steigern als jemals zuvor seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

 

Die Nachkriegs-Gesellschaft ist nicht plötzlich in diese Situation geraten. Es begann bereits in den 60er Jahren mit der Zerstörung von öffentlichen Räumen (siehe Kapitel 3).

 

Diese Zerstörung war der Anfang einer starken soziologischen Veränderung, die ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Progressiven Unternehmen bietet die Zerstörung schon heute facettenreiche kostengünstige Möglichkeiten zur Massen-Entblößung von Interessenten und Endkunden zum Zwecke wirtschaftlichen Wachstums. Mit der Zunahme der Verletzlichkeit und der Echtzeit-Erkennung dieser ist kurzfristiges Wachstum der B2C-Branchen wahrscheinlich.

 

Neben den hohen Risiken für die Bürger sind die Aussichten für Unternehmen in 2017 und 2018 daher in den Bereichen Marketing, Vertrieb, Produkt- und Innovationsmanagement verheißungsvoll.

 

Die Umsatzsteigerungen über 2018 hinaus alleine durch „omni-channel Personalisierungs- und Individualisierungs-Maßnahmen“ aufrecht zu erhalten, wird, selbst bei guter allgemeiner Wirtschaftslage, schwierig (Kapitel 1).

 

Neue Möglichkeiten, die mit der Personalisierung und Individualisierung Hand in Hand gehen, müssen erschlossen werden. Dank dem Preisverfall der dafür relevanten Hardware sind diese Lösungen, basierend auf der Früherkennung tiefeinschneidender sozioökonomischer Trends, die anhand von Evolutionsalgorithmen simuliert werden können, machbar (Kapitel 2).
In diesem relativ neuen Bereich, in dem die Geisteswissenschaften mit Hochtechnologie und Mathematik kombiniert werden, könnten Länder mit lang zurückreichenden Geschichtsdaten Vorteile aufbauen.

 

In Kapitel 3 erfolgt ein kurzer Blick auf die Psychologie und Soziologie des 20. Jahrhunderts und die Ableitung auf die Vorhersehbarkeit der Entwicklungen anhand geschichtlicher Informationen des alten Europas aus dem 17. Jahrhundert.

 

Die aktuelle soziologische Situation ist nicht neu. Die Europäer befanden sich schon mehrmals in diesen Verhältnissen, dass letzte Mal vor 200 Jahren.

 

In Kapitel 4ff wird das noch junge und doch hoch verängstigte gesellschaftliche 21. Jahrhundert beleuchtet, – die bevorstehenden großen soziologischen Veränderungen und Möglichkeiten für Unternehmen.

 

1.  Aktuelle Big Data- und KI-Wettbewerbsvorteile werden durch Standardisierungs-Prozesse gezähmt

Die Digitalisierung wird in Zukunft in jedes Unternehmen einziehen. Die Datenmengen und die Vielfältigkeiten der Datenquellen, die Verfahren der Datenauswertungen und -verwertungen werden ebenso wie schnelle Prozessablaufzeiten für einen kurzfristigen Wettbewerbsvorsprung sorgen.

Doch globale Beratungsunternehmen als auch weltweit agierende Software- und Hardware-Hersteller werden ihre Big Data- und KI-Produkt- als auch Service-Portfolios in allen Wirtschaftsräumen möglichst effizient, d.h. standardisiert in Monostruktur, ausrollen. Die wenigen System-Anpassungsmöglichkeiten werden nicht großzügiger ausfallen, als bei den Systemwelten in den Jahren davor. Die Art des Wirtschaftens bleibt, auch „nach“ der Digitalisierung (nicht jedoch die Art der Arbeit).

 

Anmerkung:
Obgleich sich viele Organisationen gerade erst mit dem Thema „Digitalisierung“ auseinandersetzen, ist der Neue, die technische Digitalisierung zerstörende Trend, bereits in Sicht (siehe Artikel Ende der Digitaltechnik).

 

Bei den Unternehmen, auch bei Großunternehmen, werden die technischen Umgebungen ebenso wie die statistischen Verfahren nebst Analyseprozessen bald ähnlich und deshalb austauschbar sein.
Wichtige Daten, deren interne Beschaffung nicht möglich ist, werden von den Unternehmen bei stets denselben Datenbrokern zugekauft.

 

Die Majorität aller Unternehmen wird dadurch wieder mit kongruenten Analyseverfahren, identischen HW- und SW-Frameworks als auch mit den gleichen Daten arbeiten.

Nur wenige Unternehmen werden die Risiken kostenintensiver Eigenentwicklungen tragen (neue/andere mathematische Verfahren, Prozesse die maßgeblich von den durch IT-Systeme vorgegebenen Standardprozessen abweichen und das Unternehmen besser abbilden, an Unternehmenskulturen angepasstes Prototyping, Marktanalysen, Produkt- und Business Development).

 

Dabei wäre es wichtig, die uns in vielen Bereichen bereits vorgegebenen Daten, Verarbeitungsverfahren und Informationen anzuzweifeln. Die unternehmensinternen Risiken in den Bereichen Realitäts-, Objektivitäts- und Wissensverlust sind heute schon in vielen Fällen höher als die Risiken bei Eigenentwicklungen.

 

Implementiert ein Suchmaschinenhersteller in sein Webtracking-Analyse-Tool beispielsweise den Link „Demografie“, so werden die unter dem Link abrufbaren Informationen ohne statistische Kontrollen von Unternehmen genutzt und als Tatsache angesehen.
Im Rechnungswesen desselben Unternehmens werden Rechnungen von Lieferanten abgewiesen, auch wenn der Betrag um wenige Cent abweicht.
Im Digitalmarketing werden Millionen Euro in Kampagnen investiert (z.B. im Suchmaschinen-Marketing), obgleich die Algorithmen der Suchmaschinenbetreiber ebenso unbekannt sind wie die tatsächlichen Ergebnisse.
Das Fatale daran: Selbst wenn die Beweisführung der Unrichtigkeit der Daten innerhalb des Webtracking-Tools stattgefunden hat, bleibt dies ohne Konsequenzen. Die Gründe dafür sind der starke Brand dieser zumeist angelsächsischen Unternehmen, die geringe statistische Kompetenz innerhalb von Unternehmen, mangelnde Erfahrungen in der Datenverarbeitung als auch der visuellen und künstlichen Intelligenz.

 

Nicht selten offenbarten sich in der Vergangenheit essentielle neue Erkenntnisse nach Eigeninitiativen bei Organisationen. Das bedingungslose Vertrauen von Unternehmen in nicht-offengelegte mathematische oder statistische Verfahren und Datenquellen, z.B. in Marketing- und Marktanalyse-Plattformen von Facebook, Amazon, IFO, Google & Co., überrascht und beängstigt.
Es überrascht auch in sofern, als das diese großen Plattformbetreiber, die das bedingungslose Vertrauen aller Konsumenten wollen, selbst niemandem Vertrauen (Apple verweigert Chips).

 

Marketingabteilungen in DAX-Konzernen können heutzutage entscheidende Fragen nicht mehr selbst beantworten. Beispielsweise wie viele Kunden auf welche Weise mindestens analysiert werden müssen, um daraus gewonnene Erkenntnisse mit geringem Restrisiko auf eine ganze Zielgruppe anzuwenden.
Die Erfahrung im Umgang mit entsprechend kombinierten statistischen Verfahren wie Kolmogorow, Laplace oder verschiedene bayessche Methoden, z.B. zur Untersuchung von Kunden-Benevolenz-Erwartungen und der dazugehörigen Kombinatorik (Claus, Finze, etc.), sind ebenso abhandengekommen wie die Fertigkeiten zur Anwendung geometrischer Wahrscheinlichkeiten (unendlich viele Ereignisse) oder von ARIMA-Prozessen.

 

Die Tendenz zur Vereinheitlichung von Organisationen durch äquivalente Systeme, Prozesse und Dienstleistungen scheint weiter ungebrochen. Die aktuell vorherrschenden Organisations- und somit Wettbewerbs-Unterschiede bei „geheimen“ Big Data- und KI-Verfahren werden zukünftig aufgehoben und wenigen Unternehmen vorbehalten bleiben.
Dass diese Tendenz ausgerechnet in Zeiten stattfindet, in denen die Kapitalanlagen in Finanzprodukte kaum Lohnen und risikoreichere Investitionen in Innovationsentwicklungen so aussichtsreich wie selten zuvor sind, ist erstaunlich.

 

Anmerkung:
Sehr einfach könnten sich europäische Unternehmen über Branchen hinweg zusammenschließen, um vereint ressourcen-teilend die Daten-Knowhow-Rückstände aufzuholen. In einigen wichtigen Bereichen arbeiten die großen Player, augenscheinlich Wettbewerber, im Silicon Valley Hand in Hand. Die Realität bei deutschen Unternehmen schaut bedauerlicherweise anders aus, – das Verständnis des eigentlichen Wettbewerbs der Zukunft ist noch nicht in Deutschland angekommen.

 

Interessant ist auch die Ausprägung der aktuellen Strömung „Individualisierung und Personalisierung“. Die Produktmanagement- und Marketing-Abteilungen in B2C-Branchen haben das kundenzentrierte Denken mittlerweile erfolgreich angenommen. Z.B. hat die Hotelbranche verstanden, dass Zimmer mit 60 Zoll TV-Geräten und vergoldeten Möbeln zwar positiv angenommen werden, dass dies jedoch nicht ausreicht, um Kunden dauerhaft zu binden oder bei den Kunden langfristig in Erinnerung zu bleiben. Nachhaltiges Abheben vom Wettbewerb gelingt durch das Arrangement zwischenmenschlicher Erlebnisse. Die starke Fokussierung auf die Echtzeit-Informationserhebung zur individuellen Bedürfniserkennung verleitet leicht dazu, die Erkennung der Ursachen für die Bedürfnisentwicklungen und -wandlungen außer acht zu lassen (das „große Ganze“).

 

Besonders schwerwiegend ist die ausbleibende Identifikationen derjenigen Ursachen, die bei ganzen Bevölkerungsgruppen für Bedürfnisentwicklungen verantwortlich sind.
Doch gerade in der frühzeitigen Erkennung dieser Ursachen für Massenbedürfnisse liegen die Chancen der Unternehmen.

 

2.  Das große Ganze

Es geht dabei nicht um die Aufdeckung des Offensichtlichen. Die Touristikindustrie beispielsweise mutmaßte richtigerweise, dass sich der Massentourismus auf Spanien konzentrieren würde, wenn in der Türkei der Terrorismus Einzug halten sollte. Die Branche hoffte auf das Ausbleiben von Bombenanschlägen. Die Hoffnung war so stark, dass kaum ein Reiseunternehmen in die Identifikation einer Terroreintrittswahrscheinlichkeit investierte. Selbst Notfallpläne, beispielsweise die Entwicklung von alternativen Reiseprodukten oder einer Marketing-Strategiewende, wurden nicht erstellt.
Die ersten Terroranschläge in der Türkei und die anhaltenden Krisen (verursacht durch den Arabischen Frühling) verursachten daher großen wirtschaftlichen Schaden in der Touristikbranche.
Teilweise waren im Internet Marketing-Skurrilitäten sichtbar; Suchten Menschen im Netz nach neuen Informationen über die Attentate, prangten neben den Suchergebnissen die Werbekampagnen touristischer Unternehmen: „Türkei – 1001-Nacht-Urlaub“.

2.1    Welche Quellen für objektive Prognosen?

Dabei hätten die Ergebnisse von Analysen des Konsumverhaltens bestimmter Glaubensgruppen im arabischen Raum gepaart mit der zeitlichen Entwicklung von Genehmigungsverfahren großer Infrastruktur-Bauvorhaben amerikanischer Baukonzerne in islamischen Ländern, frühzeitig und zuverlässig auf eine kommerz-gefährdende instabile Situation in der Türkei hingewiesen.
Viele Unternehmen, die branchenübergreifende Datenquellen für die Marktprognosen herangezogen hatten, waren wenig überrascht über die Bomben (und deren Explosionszeitpunkte) in Istanbul und die darauf folgenden wirtschaftlichen Entwicklungen. Sie hatten frühzeitig die richtigen Weichen gestellt und Alternativen entwickelt. Negative Wirtschafts-Peaks blieben bei diesen Unternehmen aus.

 

Ein deutscher Lebensmittelkonzern wollte beispielsweise 2014 neun neue Filialen in unterschiedlichen türkischen Metropolen eröffnen. Die Planung dieses Vorhabens begann bereits in 2011 und war ein wichtiges hoch-priorisiertes Unternehmensprojekt.
Eine amerikanische Denkfabrik mit Schwerpunkt M&A hatte dem Konzern Ende 2013 dringend von dieser Expansionsstrategie abgeraten.
Interessanterweise hatte die Denkfabrik sogar das Quartal korrekt prognostiziert, in welchem die türkische Wirtschaftsleistung und die Währung aufgrund des Terrors und des Protektionismus um mehr als 10% verlieren würde.
Laut Aussagen der Denkfabrik wurden für die Berechnungen umfassende geschichtliche Informationen über die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der Türkei herangezogen, die bis zu 500 Jahre zurückreichten. Additiv wurden zahlreiche Presseartikel und Botschafts-Depeschen zur Erstellung von Psychogrammen über politische türkische Führungspersönlichkeiten entwickelt.

 

Ein weiteres Beispiel für deutsche „Big Data“ – Rückständigkeit ist der Bundesregierung im Punkt Elektromobilität zuzuschreiben.
Die prognostizierten Entwicklungen und die Handlungsempfehlungen des Bundeswissenschaftsdienstes aus 2011 für die Bundespolitik waren in keinem Punkt korrekt.

Analysen zurückliegender soziologischer und technischer Entwicklungen – Antriebs- und Kraftstoffarten in Abhängigkeit der Automobilverbreitung und wirtschaftlicher Entwicklung sowie gesellschaftlicher Stimmungen wurden nicht durchgeführt. In die Analysen flossen insbesondere die prognostizierten ePkw-Verkaufszahlen der deutschen Autohersteller.
Dabei hätte der wissenschaftliche Dienst der Bundesregierung durch die beiden Weltkriege und den daraus hervorgegangenen Entwicklungen des Automobils in Deutschland und Europa ausgezeichnete heuristische Analysevoraussetzungen vorgefunden.
Nach dem Ersten Weltkrieg verbreitete sich unter den wohlhabenden Gesellschaftsschichten das Automobil erst nach der Verbreitung des unabdingbaren Glaubens an die Technologie und des Ingenieurwesens. Aber auch erst nach der Optimierung des Otto-Prozesses (Verdichtungsverhältnis aus Hubraum und Verdichtungsraum mit Ligroin als Brennstoff (Kohlenwasserstoffverbindung mit einem Siedepunkt unter dem von Kerosin und Flugbenzin), der Tankinhalte (Reichweite) und des Straßennetzes.
Die Verbreitung und Akzeptanz des Automobils bei den Menschen, die von Pferdefuhrwerken auf das Automobil umstiegen, erfolgte langsam und stets in Relation zu oben aufgeführten Fortschritten.
Auch nach dem 2. Weltkrieg war die Verbreitung des Autos eng gekoppelt an die geistige Verarbeitung des Krieges innerhalb der Bevölkerung sowie dem Glauben an eine mögliche friedliche Zukunft. Natürlich spielten die technischen und wirtschaftlichen Merkmale wie Preis, Reichweite, Kosten, Tankstellen- und Straßen-Netze eine ebenso entscheidende Rolle wie die soziologisch-philosophischen Aspekte.
Die derzeit geringe Nachfrage nach Elektromobilität in Deutschland und Europa hätte durch die Analyse oben benannter Parameter leicht vorhergesagt werden können. Die Analyseergebnisse aus soziologischen und wirtschaftlichen Untersuchungen in Gesellschaften des alten Europas sind gleichermaßen verkaufsrelevant wie die technologischen Möglichkeiten.

 

Anmerkung:
China löst das E-Auto-Verbreitungs-Problem aktuell besser. Die in Peking definierte prozentuale Subventionshöhe für E-Autos entspricht ungefähr der Preisdifferenz zwischen konventionell betriebenen und elektrisch betriebenen Fahrzeugen.

2.2 Chancen in der Bedürfnis-Ursachen-Erkennung

Die Chancen des modernen Marketings und Innovationsmanagements liegen nicht nur in der Echtzeiterkennung von Konsumentenbedürfnissen, den sozioökonomischen Konsumentenparametern oder den geeignetsten zeitbezogenen Marketingkanälen.

Unbestritten führen die aufgeführten Attribute sowie die ganzen Themen rund um die Personalisierung und Individualisierung zu nachweisbaren Verkaufserfolgen. Ebenso funktionieren bei manchen Konsumenten-Produkt-Profilen auch kurzfristige Kaufvorhersagen zuverlässig („predictive marketing analytics“).

 

Die automatisierte Daten-Fokussierung auf den individuellen Konsumenten gepaart mit Algorithmen für die kurzfristige Vorhersage des wahrscheinlichen Konsumverhaltens verleiten dazu, das große Ganze aus dem Blick zu verlieren.

 

Unter dem Begriff „das große Ganze“ ist nicht der klassische aktuelle Markttrend einer oder mehrerer (relevanter) Bevölkerungsgruppen (wiederum aufgeteilt in Zielgruppen) zu verstehen, auf den, unmittelbar nach dessen Auftreten, dass Marketingbudget gesetzt wird.
„Das große Ganze“ ist vielmehr die Erkennung der Ursachen, welche die Massentrends auslösen. Die Ursachen sind dabei meistens soziologische und politische Veränderungen.
Als guter Einstieg für Unternehmen in die Trend-Ursachen-Erkennung dienen branchenfokussierte landesbegrenzte Trend-Ursachen. Unternehmen können somit ihre soziologischen und kulturellen Erfahrungen und Kenntnisse über objektive Landes-Datenquellen einbringen und auf dem Heimatmarkt frühzeitig Produkte und Marketingstrategien planen und platzieren, – bevor Strategien über Internationalisierung angegangen werden.

2.3 Die Investition in Trenderkennungsverfahren lohnt sich

Die Kunst der Trend-Ursachen-Erkennung in Organisationen sollte mit der wissenschaftlichen Trend-Ursachen-Erforschung Hand in Hand gehen.
Unternehmen verfügen zumeist nicht über die finanziellen Mittel zur Durchführung derartiger Forschungsarbeiten. Sie sind gut beraten, sich hierfür externen Forschungsorganisationen anzuschließen (z.B. universitären Fakultäten wie Soziologie, Geschichte oder empirische Kulturwissenschaften).

 

Die Trend-Ursachen-Erkennung, die sich entgegen der Trend-Ursachen-Forschung ausschließlich auf die Identifikation bekannter Ursachen „geläufiger“ Trends konzentriert, verspricht schnellere Erfolge.

 

Doch auch bei der Ursachenerkennung und Zukunftsabstraktion „geläufiger“ Trends ist Vorsicht geboten. Das Themenfeld ist wegen der zahlreichen Kriterien, die für die Trend-Ursachen-Erkennung maßgeblich sind und dem raren Vorkommen konsum-relevanter historischer Informationen, immer noch komplex.
Die Erfolgsquote, reproduzierbare historische Ergebnisse mit Abstraktionsmöglichkeiten auf die Gegenwart und die Zukunft, liegt bei ca. 10 bis 20 Prozent bei Trends, die weniger als 300 Jahre zurückliegen.

Allerdings übersteigen die Erlöse im Eintrittsfall die Kosten einer prozessoptimierten Forschung erheblich.

 

Europa besitzt eine weit zurückreichende dokumentierte Geschichte mit zahlreichen philosophischen Errungenschaften und Hochkulturen. Beste Voraussetzungen für den Aufbau entsprechender Forschungsprojekte.
Die Trends in Europa wiederholen sich. Im Rahmen unserer Untersuchungen stellte sich heraus, dass bei einigen Trends stets dieselben politischen, soziologischen oder philosophischen Veränderungen als Ursachen verantwortlich sind. Diese wiederum leiteten vergleichbare Vorgänge im Konsumverhalten ganzer Bevölkerungsschichten ein.
Die gesellschaftliche Bedürfniserkennung ist somit anhand identischer, aus der Geschichte ableitbarer Kriterien, möglich (bezogen und abstrahiert auf die unterschiedlichen Zeitalter).

Sind die umfangreichen Kriterien der Ursachen, die die Trends einleiten, einmal identifiziert, können diese in der heutigen globalisierten Welt für beinahe jedes Land, nach Anpassung kultureller, politischer und ethischer Variablen, angewendet werden.

Die branchenfokussierte Trend-Ursachen-Erkennung in Kombination mit Personalisierungs- und Individualisierungs-Maßnahmen könnten die von den Unternehmen ersehnten Wettbewerbsvorteile mit sich bringen.

 

Big Data verspricht, dass weniger intelligente Algorithmen über eine Vielzahl an Daten mehr Erkenntnisse bringen als ausgefeilte Algorithmen über eine geringere Datenmenge.
Künstliche neuronale Netzwerke (KNN) benötigen Unmengen an Daten, um lernen zu können. Die Digitalisierung soll die Daten zusammenführen, um das maschinelle Lernen zu ermöglichen.
Doch das Zeitalter der Daten und der digitalen Maschinen ist jung; Wie kann von Zeitaltern gelernt werden, über die kaum Informationen geschweige denn Daten vorliegen?
Es gilt, die unstrittigen Informationen aus vergleichbaren Zeitaltern, Epochen, Kulturen, Gesellschaften und Ereignissen zusammen zu führen, zu harmonisieren und zu simulieren. Für bestimmte Simulationen können Evolutions-Algorithmen angewandt werden.

 

Im ersten Schritt sind dazu mehrere miteinander vergleichbare Trends ausfindig zu machen. Der Begriff „Trend“ steht für tiefgreifende nachhaltige soziologische Entwicklungsänderungen bezogen auf geistige Eigenschaften, Persönlichkeitsmerkmale und transzendenten Elementen ganzer Gesellschaften, die wirtschaftliche Veränderungen (und bestimmte Errungenschaften in Form von Produkten oder Services) mit sich brachten. In so fern ist die historisch-soziologische Peakerkennung nicht die Herausforderung.

 

Im zweiten Schritt werden sämtliche Umgebungsparameter der Kulturen und Zeitalter, in denen die einschneidenden Trends stattfanden, identifiziert und analysiert. Bestimmte, die Trends auslösenden Kriterien, werden festgestellt und miteinander verglichen.
Darauf folgend werden die Kriterien gewichtet, miteinander ins Verhältnis gesetzt und in verschiedenen Zeitaltern simuliert. Treffen die Simulationsresultate zu, werden diese auf unterschiedliche Zeitalter und Kulturen (mit vergleichbaren Entwicklungen) angewandt.

 

Während der Entwicklung von Simulationen und Erforschung der Informationen zeigte sich, dass die Gesellschaften im alten Europa unmittelbar vor einer weiteren tiefgreifenden soziologischen Veränderung / Trend stehen.
Eingeleitet wurde diese gesellschaftliche Veränderung, nämlich die Einschränkung des öffentlichen Raums und die damit einhergehende Suche nach dem Selbst, in den 60er Jahren.

 

Welche drastischen Auswirkungen die Zerstörung des öffentlichen Raums auf die Menschen und die Marketing-Unternehmenschancen mit sich bringen würde, war in den 60er Jahren niemandem bewusst.

3. Der öffentliche Raum im 21. Jahrhundert

Jeder Mensch, zurückgezogen in sich selbst, verhält sich, als sei er dem Schicksal aller anderen vollkommen fremd. Seine Kinder und die guten Freunde sind ihm das ganze Menschengeschlecht. Was seinen Umgang mit den Mitbürgern angeht, so mischt er sich wohl unter sie, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, aber er spürt sie nicht;
er existiert nur in sich und für sich allein. Und selbst wenn sich unter solchen Umständen der Sinn für die Familie bei ihm bewahrt, so geht doch der Sinn für die Gesellschaft verloren.

(Alexis de Tocqueville)

In der heutigen Zeit, Anfang des 21. Jahrhunderts, ist das öffentliche Leben in der Form wie es unsere Großeltern und all die Generationen zuvor gerne gelebt haben, beinahe ausgestorben.
Bürger beteiligen sich nicht mehr aktiv am politischen Geschehen und trennen Staat, Beruf, Gesellschaft und das Privatleben voneinander.

 

Doch die Entkräftung der öffentlichen Phalanx geht weit über die Politik hinaus. Der Fremde ist heutzutage bedrohlich, langweilig, unheimlich oder gar unergiebig. Die Öffentlichkeit, Beziehungen und Geflechte gegenseitiger Verpflichtungen außerhalb von Familien- und Freundschaftskreisen, findet so gut wie nicht mehr statt. Das Gemeinwesen ist heute beiläufig und wird auf die bequemst-mögliche Art und Weise (digital) zelebriert.

 

Im Gegensatz zu den Römern suchen die Menschen heutzutage keine religiöse Transzendenz oder andere Lebensgrundsätze, sondern nach einem Spiegelbild um herauszufinden, was an unseren Gefühlen und an unserer Psyche wahrhaftig ist.

 

Dabei machen wir die Privatheit (das Alleinsein mit uns selbst, der Familie und Freunden) zum Selbstzweck.
Das „Seelenleben“ ist nicht losgelöst von Einflüssen und Bedingungen der Gesellschaft. Dennoch gilt weitläufig die Meinung, dass das „Seelenleben“ nur gedeiht, wenn es geschützt und isoliert wird. Das Eigene Ich ist zum Selbstzweck geworden.

Das sich selbst Kennenlernen ist zu einem Zweck geworden und ist nicht länger ein Werkzeug um die Welt kennenzulernen.

Die Vertiefung in uns selbst hindert jedoch daran, die Meinungen anderer über uns zu erfahren oder generell mehr über unsere Persönlichkeit durch den Umgang mit anderen zu erfahren.
Je weiter die Psyche ins Private geschoben wird, desto weniger findet Stimulation statt, – desto schwerer wird das Fühlen oder das Ausdrücken von Gefühlen für uns.

 

Die Renaissance der Psychoanalyse Ende des 19./Anfang 20. Jahrhundert, z.B. durch Sigmund Freud als Begründer dieser, war ein Meilenstein in der Psychologie. Jedoch führte die wissenschaftliche psychologische Analyse der Lebensgeschichten, Träume und Emotionen der freiheitshoffenden Menschen in eine Falle:
Die Psychoanalyse führte nicht in die Freiheit.

 

3.1 Übermäßiges Privat-Interesse an bestimmten Personen geht zu Lasten der gesellschaftlichen Beziehungen

Wahlen sind ein gutes Beispiel. Jeder weiss, dass die Aufgaben von Politikern in der Entwicklung und Durchsetzung von Gesetzen bestehen.
Aufgrund der Politikmüdigkeit erfolgt die Wahrnehmung eines Politikers erst, wenn sich dieser um ein hohes Amt bewirbt und in allen Medien präsent ist.

Das Volk versucht herauszufinden, ob Politiker vertrauenswürdig, glaubwürdig oder einfühlsam sind. Die Wenigsten eruieren, wie die Politiker während ihrer zurückliegenden Karriere handelten. Welche Programme wurden unterstützt, welche Gesetze erlassen, etc.?
Twittert ein Politiker im Wahljahr, dass er keine Steuererhöhungen unterstützen werde, hat dies im Volk eine höhere Gewichtung, als wenn der Politiker in den zurückliegenden Jahren permanent dafür plädiert hätte, die Steuern zu erhöhen. Zeigt sich ein Politiker in den Medien Hand in Hand mit einer armen afrikanischen Familie, so wiegt dieser mediale Auftritt schwerer als vergangene Handlungen, – selbst wenn er sich dafür eingesetzt hätte, die Entwicklungshilfen für Afrika zu reduzieren.

 

Das starke Interesse des Volkes an nur wenigen Menschen, z.B. Rock- und Popstars, Schauspieler, Ausnahmesportler, etc. geht auf Kosten des Gemeinwesens. Es wird dadurch nicht nur fälschlicherweise dem Volk suggeriert, dass es keine Klassen mehr in der Gesellschaft gäbe, sondern auch das eine Gemeinschaft nur durch gegenseitige Selbstentblößung möglich wäre.

 

Der Respekt vor der Privatheit anderer schwindet ebenso wie das Verständnis dafür, dass jeder Mensch innerhalb bestimmter oder unbestimmter Grenzen eine „Horrorfigur“ ist.

 

Die Einsicht, dass zivilisierte Beziehungen durchaus auch ohne das Wissen um die widerlichen kleinen Geheimnisse der Eitelkeiten, des Begehrens, der Habsucht, des Neids, der Zwanghaftigkeiten, usw. der Anderen möglich sind, fehlt. Dies wirkt einer Entwicklung zu einer Gemeinschaft zwischen Fremden entgegen.
Kurioserweise ist dieses Phänomen insbesondere in multikulturellen und vermeintlich offenen Großstädten zu beobachten.

 

3.2 Die Liebe wird unsozial – aktueller Stand der Psychologie und Soziologie

Unpersönliche Verhaltensweisen und Fragen sind unpopulär und wecken keine Leidenschaften. Die Fokussierung auf Einzelschicksale ist hoch im Trend. Leidenschaften werden erst geweckt, wenn die Menschen Unpersönliches fälschlicherweise zu etwas Persönlichem machen. Somit werden Intimitäten nicht mehr vor der Öffentlichkeit ausgeschlossen. Selbst der intimste Erlebnisbereich, die körperliche Liebe, nicht mehr.

Die körperliche Liebe (verursacht den höchsten Traffic im Web) wandelte sich seit dem 19. Jahrhundert zunehmend von der viktorianischen Erotik zur Sexualität. Erotik bezog sich in der Vergangenheit ebenso auf soziale Zusammenhänge, Sexualität bezieht sich auf persönliche Identität, die häufig narzisstische Ausmaße einnimmt.

 

Dieser sich durch die Gesellschaft ziehende Narzissmus äußert sich durch das Gleichsetzen körperlicher Liebe mit dem eigenen Körper sowie durch das Hervorheben der eigenen Qualitäten.

 

Die Symbolisierung der körperlichen Liebe durch den eigenen Körper funktioniert zumeist nur in jungen Jahren und führt mit zunehmendem Alter unweigerlich zu Frustrationen.

 

Die Hervorhebung der eigenen Qualitäten führt zur Langweile bei den Anderen. Daher wird unbewusst eine Art Tauschhandel gelebt. Abwechselnd werden sich gegenseitig Intimitäten erzählt und somit Vertrauen geschaffen.
Diese Vorgehensweise führt ebenfalls zu Frustrationen, nachdem alle Intimitäten ausgetauscht wurden.
Der andere wird als selbstverständlich wahrgenommen. Es wächst die Einsicht, der andere wäre nicht gut genug oder das Eigene Selbst wäre einer Beziehung nicht fähig bzw. nicht würdig.

 

„Wenn ich nur mehr empfinden könnte, beziehungsfähig und gut genug für den anderen wäre“
– hinter diesen Selbstanschuldigungen verbirgt sich das Gefühl, von der Welt im Stich gelassen zu sein.

 

Das ehrliche Schweigen des Einen mit dem Zweck den Anderen nicht zu unterbrechen um möglichst viel zu erfahren führt zur wirklichen Intimität. Die Erkenntnis darüber und das Handeln danach geht im 21. Jahrhundert zunehmend verloren. Das zu und in sich selbst gekehrte lässt maximal den Kompromiss des gegenseitigen Intimitäts-Tauschhandels zu, dessen Konsequenz häufig die Langeweile innerhalb der Intimität ist.

 

Die Erschöpfung in Beziehungen geht einher mit den narzisstischen Überzeugungen, dass die Entlohnungen die man im Beziehungszeitraum bekommt noch lange nicht so zahlreich/stark/intensiv sind, wie sie eigentlich sein könnten; diese Beziehungen werden von den Beziehungspartnern selbst als „unecht“ bezeichnet.
Im Resultat gehen die Beziehungspartner unabhängig voneinander auf die Suche nach neuen intensiven Gratifikationsmöglichkeiten.

 

Der Schmerz von der Welt im Stich gelassen zu sein erstreckt sich in beschleunigten Maße auf weite Gesellschaftsbereiche. Dies ist jedoch kein psychologisches (und somit heilbares) Phänomen, sondern ein soziologischer Trend, der Marketing- und Produktentwicklungs-Chancen birgt.

3.3 Funktionsprinzip hinter dem Zerfall von Gemeinschaften

Doch nicht nur in der Liebe werden Intimitäten öffentlich, so dass der öffentliche Raum und das gesellschaftliche Miteinander schwinden. In der Relation wie das Interesse am eigenen Selbst zugenommen hat, ist die gemeinsame Arbeit mit Fremden, z.B. im Dienste sozialer Zwecke, zurückgegangen.
Die Absicht der in eine Gemeinschaft Eintretenden ist nicht mehr vornehmlich der eigentliche Zweck der Gemeinschaft, sondern insbesondere ein Selbstzweck.
In Vereinen oder anderen Zusammenschlüssen herrscht zunehmend die Meinung, sie müssten sich als Menschen besser kennenlernen, um miteinander agieren zu können.
Darauf folgt der Prozess der Selbstoffenbarung und danach die Lust für gemeinsames Handeln.
Sind die Intimitäten der Anderen enttarnt, reduziert sich das gegenseitige Interesse. Der öffentliche Raum mit den darin enthaltenen Handlungen stirbt ab, – zuerst schleichend dann schneller.

 

Das Wechselverhältnis zwischen dem starken Beobachten und der Inspektion des eigenen Seins und die nachlassende soziale Beteiligung darf nicht, wie oben erwähnt, als psychologisches Problem missverstanden werden.
Das die Menschen den Willen oder den Wunsch zum sozialen Miteinander einfach so auf Basis eines psychologischen Aspekts verlieren, ist zu trivial. Es erklärt in keiner Weise, wie eine ganze Gesellschaft zunehmend den Willen nach beständiger sozialer Interaktion verliert.
Auch verleitet eine psychologische Begründung stets zur Annahme, dass dieses Problem therapierbar wäre und die Menschen aus der Selbstversunkenheit herausgerüttelt werden könnten.

3.4 Zerstörung der Öffentlichkeit durch gesellschaftsfeindliche Architektur

Die aktuelle Intimitätskultur wird auch durch die Planung der Städte unterstützt. Ganzheitliche Stadtkonzepte, z.B. basierend auf Mensch-/Verkehr-/Transportströme, Windverhältnisse, Sonneneinstrahlung, Mikro-Klimaveränderungen und natürlich auch der Förderung des sozialen Miteinanders durch entsprechende Gebäude- und Wegeplanungen, existieren nicht. Dafür wäre eine fakultäts-übergreifende Projektplanungs-Team-Zusammensetzung erforderlich, – beispielsweise bestehend aus Meteorologen, Wirtschaftswissenschaftlern, Architekten, Sozial- und Geisteswissenschaftler, Informatiker, Biologen, Telematikexperten und Verkehrsplaner.

 

Anmerkung:
Im aktuellen größten Forschungsprogramm seit bestehen Europas („Horizont 2020“) wurde zum ersten Mal in der europäischen Forschungsgeschichte ein ganzheitlicher Forschungsansatz bei großen Projekten gefordert, – die Projektteams wurden interdisziplinär aus unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten zusammengesetzt.

 

Das soziale Miteinander wurde bereits seit der Nachkriegsgeschichte in der Gebäudeplanung ausgeschlossen. Sehen wir uns zwei konkrete Gebäude näher an, deren Architekten hochgelobt wurden und deren Bauwerke sich weltweit verbreiteten.
Der nach dem Zweiten Weltkrieg erbaute und von Gordon Bunshaft geplante Wolkenkratzer „Lever House“ in New York City oder der Großwohnkomplex „Brunswick Centre“ in London aus dem Jahre 1965.
Diese beiden Gebäude dienten als Orientierung für zahlreiche Architekten, daher weiteten sich deren Bauarten über die gesamte Welt aus, z.B. auch nach Paris (Bürokomplex „La Défense“).

Das Erdgeschoss des Lever House ist ein freier Platz. An der Nordseite des Platzes steht das eigentliche Hochhaus, an den anderen drei Seiten stehen Gebäude auf Säulen.
Anstelle der Platz so gestaltet wurde, dass er zu einem Aufenthalt einlädt, wurde er funktional so gestaltet, dass er lediglich als Zugang zum Gebäude dient.
Die funktionseffiziente Planung verhindert die Vermischung von Menschen und somit die Entstehung eines tatsächlichen öffentlichen Raums.
Das Hochhaus (die gesamten Außenwände aus Glas) wurde so geplant, dass eine Unterscheidung zwischen innen und außen nicht mehr stattfinden sollte (Prinzip der „durchlässigen Wand“).
Der Widerspruch zwischen Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Isolation ist in allen Großstädten mittlerweile gang und gäbe.

 

Das Brunswick Centre hindert die Bewohner daran, auf das Stadtleben zu sehen um an diesem, wenigstens optisch, teilzunehmen. Aus den Innenräumen ist nur der Blick auf den Himmel möglich.

Auch ist der Platz des Brunswick Centre so gebaut, dass die Menschen diesen ohne anzuhalten durchqueren wollen (trotz der Handvoll kleiner Läden). Die Edelstahl- und Betonbänke schreien danach, nicht benutzt zu werden.

 

Weltweit sind mittlerweile die meisten Wohn- und Bürokomplexe funktional so gestaltet, dass diese besser schnell durchschritten als schlendernd durchgangen werden können.

 

Jeglicher Raum ist darauf ausgelegt, sich hindurch zu bewegen und nicht dort zu verweilen.
Dies äußert sich nicht nur in der Gebäudeplanung, sondern auch in der Mobilität. Alles was den Menschen an der Fortbewegung hindert, – rote Ampeln, schwächere auf Rücksicht angewiesene Verkehrsteilnehmer, usw., macht den Menschen nervös, zornig oder ungeduldig.
Ein Auto ist ähnlich wie die Gebäude, – es lässt nicht allzu viel Raum für Intimität.

Den in den Autos eingeschlossenen Fahrern und Fahrerinnen kommt nicht mehr in den Sinn, dass die Umgebung einem anderen Zweck als der der Fortbewegung dienen könnte.

 

Die Reduktion der geografischen Räume in denen Menschen spontan zusammen kommen könnten (Anzahl und Beschaffenheit) sowie die dauerhafte physikalische Sichtbarkeit der Menschen durch Glaswände (Großraumbüros, Büros mit Glastüren bzw. transparenten Wänden) oder einsehbare Verkehrsmittel vermitteln Gefühle des permanenten „Überwacht werdens“ und verhindern Intimität.

 

Es sind jedoch nicht nur die Glaswände die die Intimität aufheben, sondern es sind auch die der Wirtschaftlichkeit geschuldeten dünnen Wände, die das eigene Leben mit den Leben der Wohnungs- und Zimmernachbarn als Schallwellen beinahe ungehindert vermischen.

Selbst bei Außenwänden spielt die Schalldämpfung eine untergeordnete Rolle, so dass in modernen Ein- und Mehrfamiliengebäuden sowie in Hochhäusern die Außenwelt wenig gedämmt Einzug in die Privatheit erhält.
Die Überarbeitung veralteter Bauschalldämmungsvorschriften wurde im Gegensatz zur Aktualisierung von Wärmeisolationsnormen unzureichend vorgenommen.

 

Nicht nur in der Entwicklung von Software, IT-Hardware, Prozessen/Verfahren und Dienstleistungen standardisieren die Hersteller ihre Produkt- und Service-Portfolios aus Effizienzgründen, sondern ebenfalls in der Erstellung von Bauunterlagen und beim eigentlichen Bauprozess. Daher verbreiteten sich die modernen Büro- und Mehrfamilien-Häuser schnell über den gesamten Erdball. Die Konsequenzen für die Einwohner und Arbeitnehmer sind somit kultur- und länderübergreifend in allen Städten identisch.

 

Die Zerstörung der Öffentlichkeit durch entsprechende Städte- und Gebäudeplanungen ist, nach dem soziologischen Trend der Selbstinspektion, die zweite Ursache für den Zerfall des öffentlichen Lebens.

3.5 Zerstörung der Öffentlichkeit durch Kulturveränderungen

3.5.1 Parallelen zum Niedergang des öffentlichen Lebens im Römischen Reich

Die Krise der römischen Gesellschaft nach dem Tod von Augustus lässt sich in einem Punkt mit der heutigen Gesellschaft vergleichen, nämlich hinsichtlich dem Gleichgewicht zwischen privatem und öffentlichem Leben.
Nach Augustus wurde das einst für die Bürger Roms so wichtige öffentliche Leben als lästige Pflicht und Formalität wahrgenommen. Öffentliche staatliche Veranstaltungen des imperialistischen Römischen Reiches wurden unwillig und in abgeschwächten Intervallen besucht.
Sämtliche rituelle Kontakte zu anderen Römern außerhalb der Familie wurden passiv. Das öffentliche Leben war blutleer. Vielmehr suchte der Römer im Privatleben nach neuen Themen und neuen Aspekten, denen er seine emotionalen Energien schenken wollte.
Diese emotionalen Energien waren zumeist auf mystische Ziele, insbesondere nahöstliche Sekten wie das geheime Christentum, gerichtet. Dieses spirituelle Engagement, das am Ende nicht mehr geheim praktiziert wurde, trat an die erste Stelle und wurde zum neuen Prinzip der öffentlichen Ordnung; den Förmlichkeiten und Traditionen des davor seit Generationen gelebten wichtigen und beliebten öffentlichen Lebens entflohen die Römer.
Die sich ändernde Bedeutung der Begriffe „öffentlich“ und „privat“ ist allein schon Zeugnis der Entwicklung unserer Gesellschaft. „Öffentlich“ wurde im 14. und 15. Jahrhundert mit dem „Gemeinwohl einer Gesellschaft“ gleichgesetzt. Der Begriff „privat“ wurde damals als Synonym für „privilegiert“ oder „hohe Regierungsebene“ verwendet. Erst Anfang des 18. Jahrhunderts wurden die beiden Begriffe analog zu unserer heutigen Zeit angewandt.

3.5.2 Entwicklungen in Europa ab dem 18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert begann das Bürgertum sich zu seiner Herkunft zu bekennen. Die Menschen schämten sich nicht mehr ihrer unadligen Herkunft. Die Städte wurden zu Orten, an denen sich vermehrt unterschiedliche Gesellschaftsgruppen versammelten und zusammen sozial interagierten.
Die Öffentlichkeit entwickelte sich zu einem Bereich, der eine große Vielfalt an Menschen beinhaltete und nicht nur einen Gesellschaftssektor.

Maßgebend für die Entwicklungen im alten Europa waren die beiden Metropolen London und Paris.

3.5.3 England und Frankreich

Militärische Erfolge, eine überproportionale Bevölkerungszunahme sowie der Rationalismus (geisteswissenschaftlich begründet durch John Locke und architektonisch durch Richard Boyle) lösten tiefgreifende soziologische Veränderungen im England des 18. Jahrhundert aus, die sich beispielsweise auch im künstlerischen Klassizismus, der Rückkehr zum Puristischen, ausdrückten. Wirtschaftlich wuchs England in dieser Zeit zum würdigen Nachfolger des römischen Imperiums.

 

Die späteren weitreichenden sozioökonomischen Veränderungen im viktorianischen Zeitalter, das für die Selbstverwirklichung im Privatleben steht, brachte England den unternehmerischen Mittelstand und somit die Führungsposition während der industriellen Revolution.

 

Im 18. Jahrhundert (1738) wurde in Frankreich ein Begriff geprägt, der tief in die Stadt-Öffentlichkeit integriert wurde: kosmopolitisch.
Damals war ein Kosmopolit ein Mensch, der sich mit Wohlwollen in der gesellschaftlichen Vielfalt bewegte; er fühlte sich auch in Situationen wohl und geborgen, die keine Ähnlichkeiten mit dem ihm Vertrauten hatten. Ein Kosmopolit war die Inkarnation eines perfekten Öffentlichkeitsmenschen.
In darauffolgenden Jahren wurde der Kosmopolit zunehmend zu einer traurigeren Figur; einem Menschen, der sich zwangsweise mit den verschiedenen Gesellschaftsgruppen in den Städten arrangieren musste.

 

Dieser sprachliche Wandel geht einher mit dem Wandel der Verhaltensweisen der Stadt-Gesellschaften. Das städtische Marktleben entwickelte sich in zunehmendem Maß von persönlichen Verpflichtungs-Geschäften zur innerstädtischen Konkurrenzorientierung. Es wurde um die sich permanent wechselnde anonyme Kundschaften gewetteifert. Analog zur Verbreitung der Geldökonomie wurden nun Geschäfte in Büros abgewickelt.

 

Mit der Vergrößerung der Städte entzog sich das Leben der Kontrolle durch den König. Die Orte, an denen sich Geselligkeit entwickeln und Fremden begegnet werden konnte, expandierten. Wege wurden für Fußgänger zum Zwecke des gemütlichen Schlenderns und der Erholung hergerichtet.
Auch Kaffeehäuser, Parkanlagen, Opern und Theater öffneten sich dem Bürgertum und waren nicht länger dem Adel vorbehalten. In den Bereichen der Erfordernisse entwickelten sich ebenso wie in den Sparten der Muße soziale Interaktionsvariationen.

 

Die Stadtbevölkerung des 18. Jahrhunderts war stark auf die Trennung von Privatleben und dem öffentlichen Leben bedacht. Sie suchte die goldene Mitte zwischen den Ansprüchen der Zivilisation (öffentliches Verhalten) und den Ansprüchen der Natur (Familie).
Mit Fremden gefühlvoll akzeptabel umzugehen und dabei dennoch Distanz zu wahren, galt als solide Vorgehensweise, aus dem „Menschentier“ ein gesellschaftlich vorzeigbares Geschöpf zu machen.

 

Die Vorstellung, dass die Wirtschaft und Geselligkeitsformen der neuen Städte die alte Ökonomie sofort verdrängt hätten, ist nicht korrekt. Vielmehr lebte die „alte“ Welt lebendig neben und gemeinsam mit der „neuen“ Städtekultur.

In der Öffentlichkeit schuf sich der Mensch, in der Familie verwirklichte er sich.

Das sinistre Ancien Régime (Absolutismus im 17. & 18. Jahrhundert vor der Französischen Revolution) soll keinesfalls romantisiert werden. Die zu jener Zeit vorherrschenden Ungerechtigkeiten nahmen häufig schmerzhafte und grausame Gestalt an.

 

Grundsätzlich bestand in der Zeit der Aufklärung jedoch ein Gleichgewicht zwischen öffentlichem und privatem Leben. Das Gleichgewicht dauerte an bis zum Aufstieg des Industriekapitalismus.

 

Die Folgen des Industriekapitalismus manifestierten sich durch die Verhüllung materieller industrieller Wechselbeziehungen als auch dem Privatisierungsdruck.

 

Die reichen Geschäftsleute begannen sich zu verbünden um sich damit gegen starke Wirtschaftsschwankungen, die auch damals schon von niemandem durchschaut werden konnten, abzusichern. Dadurch fehlten Ressourcen und auch ernste Absichten, die öffentliche (Wirtschafts-)Ordnung zu gestalten. Die zumeist materiell armen Bürger nahmen die Gelegenheit wahr und entzogen sich der öffentlichen Ordnung vollständig. Sie suchten das Heil an einem idealisierten selbstbestimmten Rückzugsort: der Familie.
Die Familie war der Öffentlichkeit und allem Anderen sittlich, ethisch und moralisch übergeordnet. Die Privatheit war der Inbegriff für Stabilität. Der öffentlichen Ordnung wurden zunehmend das Vertrauen und die Rechtmäßigkeit entzogen.

 

Durch die Massenproduktion, z.B. auch im Bereich Mode und Kleidung, glichen sich die Menschen zusehens gegenseitig. Dies erschwerte die Erkennung der realen Unterschiede. Der Fremde konnte somit nicht mehr eingeschätzt werden und entwickelte sich zu einer rätselhaften Person.

 

Die maschinell produzierten Güter wurden nicht gekauft, weil sie preisgünstig oder nützlich waren, sondern weil die Werbung die Produkte und die produzierenden Unternehmen ebenso darstellte wie einen Fremden, nämlich rätselhaft und mystisch.
Die Menschen dachten, dass die Produkte eine mystische psychologische Dimension hätten. Dasselbe (Werbe-)Prinzip ist auch heute noch aktuell, – zumeist eingebettet in Kurzgeschichten („(Digitales) Storytelling“). Das Mystische in der Fremdheit der Menschen war nicht kontrollierbar und wurde gemieden, doch die Mystik der Dinge wurde beherrscht und begehrt.

 

Wie kommt es, dass Gesellschaften plötzlich Waren vermenschlichten? Die Gesellschaft im 18. Jahrhundert interpretierte Säkularität anders als Menschen im 19. Jahrhundert.
Im 18. Jahrhundert hinterfragten die Menschen die Dinge weniger, alles hatte seinen Platz im Universum und die Dinge wurden verstanden. Nicht das beispielsweise die Fotosynthese vollständig verstanden worden wäre. Jedoch kannte man die Pflanzen und deren Früchte oder Samen, dass Pflanzen Licht zum Wachsen benötigen oder das die Pflanzen in jedem Jahr erneut erblühen, usw. Alle Dinge hatten ihren Platz in einem Ordnungssystem.

 

Im 19. Jahrhundert war der Säkularismus nicht mehr transzendental, sondern immanent.
Die Welt und der Mensch an sich mit all seinen Empfindungen, Interessen und Leidenschaften mussten nicht mehr in ein Ordnungssystem überführt werden, sondern waren eine Realität in sich selbst.
Ein Interesse oder ein Gefühl wurde nicht in ein Umfeld oder ein System eingebettet, sondern war eine eigenständige Tatsache. Es wurde somit nicht mehr ein bestimmtes System analysiert. Vielmehr wurde die Tatsache losgelöst von einem bestimmten System, aber dennoch unter Betrachtung aller nur erdenklichen Umstände, eingeschätzt. Nichts wurde ausgeschlossen und kein Kontext, sei er noch so klein, war irrelevant.

 

Diese Änderung der Interpretation von Säkularität wirkte einschneidend auf das öffentliche Leben. Jegliche Art an Darbietungen in der Öffentlichkeit, – die Art zu gehen, zu sprechen, die Stimme, die Kleidung, etc. wurden sehr ernst genommen, – konnten sie doch Indizien auf den Menschen hinter der Maske liefern.

Wenn nichts ausgeschlossen werden kann und alles relevant ist, so sind dies alle Dinge – materielle Dinge, Tiere, Pflanzen und natürlich auch Menschen. So bekamen auch physikalische Dinge eine psychologische Relevanz (eine „Seele“).

 

Der Industriekapitalismus des 19. Jahrhunderts hatte somit großen Einfluss auf die Gesellschaft. Zum einen begegneten sich fremde Menschen nicht mehr offen, sondern eher verhalten, schließlich war aufgrund der maschinell erstellten Einheitskleidung das Gegenüber nicht mehr transparent.
Zum anderen bildeten sich neue Netzwerke bestehend aus Geschäftsleuten, deren Zugang den übrigen Menschen verwehrt blieb. Das Wirken der Kultur des Ancien Règimes, in der die Öffentlichkeit noch gelebt wurde, war allerdings noch zu spüren.

 

Innerhalb dieses Spannungsfeldes lebten die Menschen damals.
Das Ancien Règime starb nicht von einem Tag auf den anderen, sondern wurde langsam von den wirtschaftlichen, politischen und sozialen Veränderungen Ende des 18. Jahrhunderts verdrängt.
Der Industriekapitalismus, der seinen Teil zur Zerstörung des öffentlichen Lebens beitrug, wurde von den Menschen gefördert in dem physischen Dingen eine „Seele“ zugeordnet wurde. Daher kauften die Menschen gerne Produkte und pflegten diese; mit jedem Produktkauf expandierte der öffentlichkeits-zerstörende Industriekapitalismus.

 

Es war die Zeit, in der die Menschen glaubten, einen (kriminellen) Charakter zum Beispiel anhand der menschlichen Schädelform identifizieren zu können.
Verwissenschaftlicht wurde dies von Alphonse Bertillon, einem französischen Kriminalist, der die sogenannten „Bertillonsche Messungen“ einführte (Phrenologie).

Eingeleitet durch das Thema künstliche Intelligenz erfährt die Phrenologie derzeit eine unberechtigte Renaissance.
(Dein Gesicht zeigt, ob Du kriminell bist).

 

Anmerkung:
Dass Phrenologie aus stochastischer Perspektive Unsinn ist, zeigt sich bereits an der Definition des Wortes „kriminell“. Bedeutet „kriminell“ gegen ein Gesetz verstoßend oder gegen den eigenen Selbstgerechtigkeitsinn oder gegen die Gebote einer Religion? Gesetze sind in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich, -so auch die Definitionen von „kriminell“. Es wäre interessant zu sehen, zu welchen Ergebnissen die phrenologische künstliche „Intelligenz“ bei Betrachtung von Politikern oder den VW-Aufsichtsräten käme.

 

Die Angst davor, analysiert und beurteilt zu werden führte dazu, dass die Menschen sich nicht mehr frei in der Öffentlichkeit fühlten.

 

Im 19. und 20. Jahrhundert, die beiden Weltkriege ausgeschlossen, entwickelte sich in der Gesellschaft im gesamten alten Europa die Vorstellung, dass Fremde nicht miteinander zu sprechen haben und dass jeder ein Recht darauf hätte, in der Öffentlichkeit nicht angesprochen zu werden.
Das Recht der Passivität hingegen, die anderen zu beobachten, zu analysieren, aufzunehmen und zu bewerten, nimmt sich ein jeder heraus. Diese Art von kommunikationsarmer Öffentlichkeit ist jedoch wenig fruchtbar und wirkt öffentlichem Leben entgegen.

3.5.4 Europa im 21. Jahrhundert

Die Menschen im alten Europa des 21. Jahrhunderts definieren Nähe als einen Wert. Sich selbst nahbar zu machen entwickelt sich zunehmend zur Tugend. Diese Tugend wird lediglich in einem engen Kreis zelebriert.
Die falsche Annahme, dass sich Missstände und Krisen innerhalb von Gesellschaften auf die darin herrschenden Anonymitäten zurückführen lassen würden, ist weit verbreitet. Dies ist Nährboden des Irrglaubens, dass soziales Miteinander nur dann glaubhaft sein kann, wenn eine Nähe zu den psychischen Bedürfnissen der Menschen vorhanden ist. Diese Denkart hat zur Folge, dass alle Facetten des menschlichen Daseins eine psychologische Dimension bekommen. Diese psychologische Dimension definiert die Menschlichkeit in einer gottlosen Bevölkerung; menschliche Wärme innerhalb eines kleinen Kreises ist unsere neue Gottheit.
Doch die Geschichte über die Entwicklung, Blüte und den Verfall der öffentlichen Kultur widerspricht der aktuellen Definition von Menschlichkeit. Der Glaube an die Moral als Wert für zwischenmenschliche Nähe ist in der Realität das Produkt des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts.
Die Menschen suchten ihren Sinn in Objekten (Filmen, Theaterstücken, Literatur, etc.), für deren Beschaffung sie konsumierten. Die Konsumgesellschaft expandierte und suchte in zahlreichen unterschiedlichen Objekten einen Sinn. Doch im Laufe der Zeit lernten die Menschen, dass es in Objekten keinen Sinn gibt. Irritiert und enttäuscht wendeten sie sich von der Gesellschaft ab und suchten den Sinn in der naheliegenden Privatheit, in der Familie. Der Wunsch nach Nähe entspricht daher zumeist dem Wunsch nach Stabilität und Sicherheit.
Dadurch ist der letzte Rest Öffentlichkeit im 21. Jahrhundert anonymer, und da ausschließlich auf sich selbst bedacht, ebenso härter und rauer geworden. Niemand mischt sich ein, denn Einmischung bedeutet verletzt werden zu können oder gar eigene Aggressionen „entwickeln“, wecken und darbieten zu müssen. Obgleich Aggression zum Leben gehört ist sie, ungeachtet, in welcher Art sie auftritt, ungeliebt und negativ behaftet. Aggressionen wurden anonym und zeigen sich in der realen Welt z.B. beim Autofahren oder im Internet. Das Direkte „zur Rede stellen“ ist unbequem und birgt außerdem die Gefahr, dass der eigene Standpunkt nicht so stark wie gedacht ist.
Die sich im 19. Jahrhundert entwickelte Furcht vor dem öffentlichen Leben ist im 21. Jahrhundert für den schwachen, nach Öffentlichkeit strebenden Willen, verantwortlich.

Den Ursachen für die Zerstörung der Öffentlichkeit, zum einen durch die Architektur und zum anderen durch den soziologischen Trend der „Selbstinspektion“, ist die Veränderung der Kultur durch die Industrialisierung als drittes Element hinzuzufügen.

3.6 Die Digitalisierung als Beschleuniger für den Niedergang des öffentlichen Lebens

In jeder Tageszeitung oder Zeitschrift und auf allen Kanälen ist sie derzeit direkt oder indirekt präsent: die Digitalisierung.
Dies ist auch Grund dafür, dass dieses Thema in diesem Essay lediglich gestreift wird.
Allen Lesern dürfte klar sein, dass Digitalisierung in allen Lebensbereichen der Menschen Einzug gehalten hat und weiter nehmen wird. Der Einzug der Digitalisierung hat das Privatleben der Menschen geändert. Alltagsroutinen, bestimmte Abläufe, Trennung/Verbindung Privat- und Berufsleben, etc. sind anders, als in Zeiten vor Smartphones, WLANs und Co.

 

Anmerkung
Das Ziel, bisweilen insbesondere der amerikanischen Konzerne, möglichst alles über jeden zu wissen, auch die privatesten Intimitäten, ist definiert und wird konsequent weiterverfolgt. Die Enthüllungen von Snowden oder die Bespitzelungen im Bundeskanzleramt und anderen Parlamenten weltweit können diesen Trend, ebenso wie der vom Lobbyismus untergrabene deutsche Datenschutz, nicht aufhalten.
Während Smartphones zum allgegenwärtigen Lebensbegleiter geworden sind und durch Sensoren und cloudbasierte Dienste in die Lebensbereiche der Menschen eindringen, werden nebenbei neue triviale Technologien auf den Markt geworfen, die weitere Informationen über andere Lebensbereiche erschließen sollen. Amazons Dash-Button oder Echo oder Bluetooth-/WiFi-Beleuchtungen sind nur einige wenige Beispiele dafür, wie via einfacher Gadgets Informationen über Konsumenten gesammelt werden sollen.
Dass den Konzernen diese Daten noch immer nicht genug sind, zeigen beispielsweise die aktuell geplanten Drohnenprojekte. Ziel ist, die Menschen nicht nur digital über das Web, sondern auch physisch in ihrer privaten Lebensumgebung „kennenzulernen“.

 

Beispiel Drohnen:
Nachdem Amazon einen Vorschlag zur Genehmigung einer Drohnenflugzone, die unterhalb der Zivil- und Behörden-Flugzonen sein soll, eingereicht hat, ist die Bundesregierung darauf eingestiegen, – ungeachtet der Proteste von Bürgern und Unternehmen.
Die Bundesregierung war sogar bereit, den Flugmodellbau dafür zu opfern und alle Flughöhen über 50m für den Modellbau zu verbieten. Und das obwohl 22 % aller deutscher patenteinreichenden Erfinder (auch in der Rolle als Mitarbeiter in Unternehmen bei Unternehmenspatenten), entweder aus dem Modellbau oder dem Amateurfunk stammen (die Amateurfunker wehren sich schon jahrelang gegen die Bestrebungen der Mobilfunkprovider, sich die Amateurfunkfrequenzen „einzuverleiben“).
Dabei ist offensichtlich, dass z.B. Amazons Drohnen nur anfangs ausschließlich Pakete transportieren würden. Die Drohnen von Amazon würden im Laufe der Zeit die Grundstücke und Immobilien der Paketbesteller ebenso wie den Paketempfänger selbst als auch dessen Nachbarn sowie dessen soziales Umfeld analysieren. Die Drohnen könnten additiv feststellen, welche Amazon- und Konkurrenz-Geräte bereits in den Privathaushalten sind und an welcher Stelle es gegebenenfalls weiteres Verbesserungspotenzial geben könnte (Bedürfnisse wecken). Infrarot-, Kamera- oder Wärmebild-Sensoren werden neben den erforderlichen GPS- und GSM-Controllern zur Standard-Drohnen-Ausstattung gehören, voraussichtlich auch WLAN-Router. Somit könnten beispielsweise Krankheiten, ethnische Herkunft, beliebte Gartenpflanzen oder Garten-Muffel ebenso identifiziert werden wie übergewichtige oder untergewichtige Paketempfänger.
Alle Menschen, Materialien oder Maschinen rund um den Lebensraum werden den Analysen privatwirtschaftlicher Institutionen unterliegen. Die Auswirkungen dessen werden weitreichender sein als „nur“ individualisierte und personalisierte Werbebotschaften.

 

Beispiel Wearables:
Auch diese Endgeräte werden weiter mit zusätzlichen Sensoren ausgestattet werden. Schrittzähler, Herzfrequenz, Ruhezeiten oder Schlafgewohnheiten werden um Temperaturmessungen (z.B. zur Erkennung des Eisprungs bei Frauen), um Schweißkonzentrationsmessungen oder um subkutane Blutanalyseverfahren zur Analyse von in der Haut gespeicherten Nährstoffen (z.B. für Rückschlüsse auf Ernährungsgewohnheiten oder Krankheiten) bis 2020 ergänzt werden.

 

Es kann davon ausgegangen werden, dass sich die Digitalisierung noch weiter fortsetzt, sich in die Privathaushalte integriert und somit Einfluss auf das Leben aller Menschen haben wird.
Die geisteswissenschaftlichen Institute weltweit haben bei ihren Forschungen festgestellt, dass die Folgen der Digitalisierung für die Menschen insbesondere Konzentrationsstörungen, stetes Verlangen nach „digitalen“ Belohnungen (z.B. Feedback auf Trivia-Veröffentlichungen), zunehmende Kurzsichtigkeit und reduzierte Kommunikationsfähigkeiten sind.
Die Vereinfachung und Automatisierung der SW-Funktionen und Oberflächen-Designs bei der Portierung von PC-Software auf mobile Endgeräte als auch die unablässigen oberflächlichen artikellose Messenger-Kommunikationen sind nur einige Gründe für diese Rückbildungen.
Die Möglichkeiten, Informationen an jedem Ort abrufen zu können verleiten junge Menschen zu der falschen Annahme, dass die Informationen auch an jedem Ort verstanden werden können.
Beinahe ein Fünftel der männlichen Teenager im alten Europa argumentiert bezüglich der Anschaffung eines Smartphones gegenüber den Eltern, dass ein Smartphone der Einstieg in die Software-Programmierung wäre. Tatsache ist, dass in den hoch-entwickelten Ländern mit hoher Smartphone-Dichte die geringste Anzahl an SW-Entwickler/innen leben.
Analog verhält es sich mit digitalen Freundschaften, die plattform- und kanalübergreifend schnell geschlossen aber nicht (physisch) gelebt werden. Die Resultate sind Einsamkeit, wieder das Gefühl „von der Welt im Stich gelassen zu sein“ und die Offenbarung der eigenen Intimität, die als Folge den Zerfall der Öffentlichkeit mit sich bringt.
Die Digitalisierung ist ein starker Faktor, der den Verfall des öffentlichen Lebens beschleunigt.
Die politische Klasse hat zurzeit kaum Vorschläge für die Gesellschaft hinsichtlich eines ethischen und juristischen Umgangs mit der Digitalisierung. Die Technologiekonzerne mit dem Lobbyismus als Rückenwind überrennen Staaten. Bürgerinnen/Bürger nehmen teils aus Bequemlichkeit, teils aus Einsamkeit und teils aus Mitläufertum die neuen Gadgets an und beschleunigen den Prozess, vor dessen Ende sie sich fürchten.

 

Die Auswirkungen der Ursachen der Zerstörung der Öffentlichkeit durch
– die Architektur
– den soziologischen Trend der „Selbstinspektion“
– die Veränderung der Kultur durch die Industrialisierung und Globalisierung
Vervielfachen sich durch die Digitalisierung.

4. Zerfall der Öffentlichkeit – Auswirkungen auf den Menschen

Geselligkeit benötigt Distanz zu anderen, – mit der Steigerung der Intimität zu anderen sinkt die Geselligkeit.

Genau dieser Erkenntnis folgen die Arbeitgeberverbände und zahlreiche andere an (wirtschaftlicher) Effizienz interessierten Institutionen unabhängig und verschwörungstheorienfrei voneinander. Bereits seit langem hat sich das Denken, dass Geselligkeit der Effektivität hinderlich im Wege stehen würde, manifestiert. Büroplanungen, die gegenseitige Distanz aushebeln, sind nur die untersten Ebenen des Effizienzstrebens.

 

Der Zerfall des physikalischen öffentlichen Raums bringt die Menschen dazu, innerhalb der Intimität das zu suchen, was ihnen der „Fremde“ in der Öffentlichkeit nicht mehr bieten kann.

 

Die Menschen versuchen, sich durch schweigen und isolieren vor der permanenten Beobachtung zu schützen. Allerdings wird dieses Verhalten dadurch kompensiert, dass sich die Menschen vor anderen Menschen (mit denen wenigen sie in Kontakt treten wollen) entblößen.

 

Die Fassaden, die unsere vorhergehenden Generationen in Form von körperlichen und sprachlichen Anstands- und Höflichkeitsregeln aufgebaut, ausgebaut und gelebt haben um klare Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit zu schaffen, gehen in die Bedeutungslosigkeit über. Es bleibt jedoch zu hinterfragen, ob uns die Ächtung dieser auf den ersten Blick überflüssiger Anstandsregelwerke und Rituale nicht auf ein gesellschaftliches und kulturelles Niveau primitiver Jäger- und Sammler herabzieht.

 

Der Zerfall der Öffentlichkeit durch die Veränderung der physikalischen öffentlichen Räume in früheren Jahren wird weiter fortgeführt durch die Veränderung der virtuellen Räume im 21. Jahrhundert anhand der digitalen Transformation, in welcher beinahe jeder Externe Zugang zu unserer Privatheit erlangen kann.

 

Der Zerfall und die einschneidenden schnellen Veränderungen durch die architektonischen, kulturellen, soziologischen und digitalen Transformationen im Kontext der Globalisierung bringen eine globale gesellschaftliche Transformation (Trendwende) mit sich.

Wir sprechen hier von einem Ungleichgewicht in der Privatheit und einem öffentlichen Leben, das leer ist.

Es ist ein Wandel und die Geburt einer neuen kapitalistischen opportunistischen säkularen (Städte-)Kultur, die drastische Veränderungen unseres Gemeinwesens und unserer Legislative mit sich bringen wird.

5. Nebenschauplätze – weitere Spannungsfelder im Kontext zukünftiger Entwicklungen

Der beschriebene und hergeleitete aktuelle Zerfall der Öffentlichkeit und die damit einhergehende Zunahme von Angstzuständen (siehe Kapitel 6) sind die wesentlichen Gründe für die bereits in den Anfängen befindlichen umfassenden soziologischen Veränderungen.
Es existieren jedoch auch einige Nebenschauplätze, die nicht unerwähnt bleiben sollen. Diese Nebenschauplätze tragen zur Vertiefung des Unsicherheitsgefühls bei. Dieses Gefühl der Verunsicherung entsteht dadurch, dass es in beinahe jedem wichtigen Lebensbereich expandierende Entscheidungsmöglichkeiten gibt; das Treffen von Entscheidungen ist allerdings aufgrund der hohen Anzahl an Informationen und Informationsquellen komplex geworden. Es breitet sich das Gefühl der Hilflosigkeit aus, – zum einen weil seriöse Informationsquellen nicht mehr einfach erkennbar sind und zum anderen, weil Wissen und Erfahrung fehlen um die Informationen richtig zu interpretieren.
Nachstehend werden die relevantesten Nebenschauplätze aufgeführt.

5.1 Ernährung

Obwohl die aktuelle Situation in Somalia einen anderen Eindruck widerspiegelt, es ist eine Tatsache, dass immer mehr Menschen auf der Erde genug zum Essen haben.
In Erst-Ländern spielt das Sattwerden jedoch eine zunehmend untergeordnete Rolle. Die Ansprüche an die Ernährung sind gestiegen. Nahrung soll das Gehirn und den Körper leistungsfähiger und keinesfalls übergewichtig machen, – natürlich muss Essen darüber hinaus auch schmecken, appetitlich aussehen und schnell zubereitet werden können. Ebenfalls soll Essen keine Belastungen für Zähne und Mundhygiene verursachen. Additiv sind ethische Grundsätze gegenüber Tieren und Pflanzen neue Herausforderungen für die Gesellschaft.
Wir Menschen sind angehalten, uns selbst und unser Essen als Teil desselben Ökosystems betrachten und somit unsere Beziehung zur Nahrung neu definieren. Dieses Bewusstsein führt zu einer hohen Komplexität im psychischen und praktischen Umgang mit den Nahrungsmitteln und der Nahrungsaufnahme.

5.1.1 Do-it yourself

Diese Zielgruppe, zwischen 45 und 70 Jahre alt mit überdurchschnittlichem Einkommen/Rente und eigenen Immobilien, nimmt sich ausgiebig Zeit, um selbst zu kochen. Kochen dient als Ausgleich sowie als familiäre „Kommunikations-Zermonie“. Zunehmend baut diese Zielgruppe Teile der Nahrung, insbesondere Gewürze, Früchte und Kartoffeln, selbst an. Auch kauft diese Zielgruppe gerne auf dem Markt ein. Die Kompetenzen dieses Abnehmerkreises im Bereich urbaner Landwirtschaft und Nahrungsqualität sind erheblich.

5.1.2 Traditionell

Diese Zielgruppe ist eng verbunden mit der do-it-yourself-Zielgruppe. Das Essen wird als Teil der Tradition, entweder der Familien- oder der kulturellen Tradition betrachtet. Ebenso wie bei der do-it-yourself-Zielgruppe ist das Misstrauen gegenüber industriell hergestellten Genuss- und Nahrungsmitteln allgegenwärtig. Auch Bioprodukte mit ihren zahlreichen undurchsichtigen Zertifizierungen sind bei dieser Zielgruppe auf Ablehnung gestoßen. Im Unterschied zur do-it-yourself-Zielgruppe verwendet die traditionelle Zielgruppe weder Dünger, Pflanzenschutz noch hoch-technisches Gerät beim Anbau oder der Zubereitung der Nahrung. Nach dem Kochen spielt auch die Geselligkeit beim Essen eine große Rolle.

5.1.3 Nahrungszusammensetzungs-orientiert

Hier geht es insbesondere um die Nährstoffzufuhr. Energiewerte sowie die Verhältnisse zwischen Proteinen, Kohlenhydraten, Fetten und Zuckeranteilen spielen die Hauptrolle. Im Gegensatz zu den beiden oberen Zielgruppen spielt der Preis der Lebensmittel keine untergeordnete Rolle. Das Essen dient der Nahrungsaufnahme und muss kein sinnliches Vergnügen bereiten. Auch die Nahrungsaufnahme ist keiner Esskultur unterworfen. In dieser Zielgruppe sind überdurchschnittlich viele Menschen zwischen 30 und 50 Jahren, mit auf das Aussehen gerichteten Eitelkeiten, häufig status-orientiert, Mitglieder eines Sportcenters und unverheiratet. Das Männer-Frauen-Verhältnis liegt bei 58:42.

5.1.4 Hochtechnologie beim Kochen

Die größte Zielgruppe wird die Hochtechnologie-Privatküche sein. Intelligente Küchenmaschinen, wie beispielsweise der Thermomix, werden die Privathaushalte erobern. Die teuren Preise der Maschinen fallen und werden für viele Konsumenten erschwinglich.
Dem Menschen wird nach Auswahl der Hauptmahlzeit bzw. des Geschmacks die Kocharbeit abgenommen. Die Küche wird aus dem Internet die entsprechenden Rezepte selbstständig eruieren und fehlende Zutaten automatisch beim Lebensmittelhändler bestellen.
Auch die Nahrungsaufnahme in Form von Tabletten wird für Menschen mit wenig Zeit alltäglich.
Nicht nur die Nahrungszubereitung wird automatisiert erfolgen. Sondern auch die Erstellung der Rezepturen, deren Komplexität durch neue künstliche Zutaten zurzeit rasant steigt.
Eine engere Verbindung zwischen der Pharmaindustrie und der Lebensmittelbranche wird stattfinden. Die Borderline-Zone, in der heute bereits Nahrungsergänzungsmittel wie beispielsweise Vitamintabletten oder Proteinpräparate zwischen Lebensmitteln und Arzneimitteln angesiedelt sind, wird mittelfristig größer werden.
Diese Zielgruppe wird den Kompromiss zwischen Bequemlichkeit und Nahrungsaufnahme konsequent nutzen. Die Küchentechnologien werden, ähnlich wie Smartphones, auch als Statussymbole angeschafft.

 

Anmerkung:
Der Begriff „Küche“ wird neu definiert werden. Klassische Küchen, im Mittelpunkt der Herd, werden aussterben. Die Küche der Zukunft wird keinen Herd mehr haben, die Hitzezufuhr wird dezentral von unterschiedlichen Geräten bewerkstelligt. Die Küche wird in Zukunft kaum mehr Platz benötigen und sich beispielsweise in einen Schrank vollständig integrieren lassen. Dies kommt dem zukünftigen Preisanstieg für Wohnraum entgegen.

5.1.5 Herkunft der Nahrungsmittel

Es gibt keinen Zweifel an der Globalisierung der Nahrungsmittelindustrie. Abgesehen von einigen Obstsorten und Reis stammt Stand heute noch die Mehrheit der Nahrungsmittel aus Europa.
Die Nahrungsmittel werden zunehmend von anderen Kontinenten importiert. Dadurch erhöht sich die Vielfalt der Nahrungsmittel und der Fertigmenüs.
Risiken des Wissensverlustes hinsichtlich der Zubereitung regionaler Speisen werden ebenso steigen wie die Umweltbelastungen (durch Transport und Produktion in Ländern mit niedrigeren Umweltauflagen) und Täuschungen bei Herkunft und Verarbeitungsqualität.
Zielgruppen, die diese Risiken nicht eingehen, entwickeln sich derzeit rasant. Im Resultat erfährt der lokale oder urbane Anbau von Nutzpflanzen eine Renaissance. Stadtparks und Naherholungsgebiete werden als Flächen für Nutzpflanzen verwendet.

Bei beinahe allen Zielgruppen ist die Herkunft der Nahrungsmittel ein Schlüsselkriterium. Auch Hobby-Landwirte müssen Nahrungsmittel zukaufen. Die Identifikation der Herkunft, der gesetzlichen Regelungen hinsichtlich der Herkunft von Nahrungsmitteln sowie die Vergabe unterschiedlicher Lebensmittel-Kennzeichnungen sind heutzutage umfassende Gebiete, für deren Erschließung Expertenwissen erforderlich ist.
Die Ernährung ist ein an gesellschaftlicher Bedeutung steigendes Fachgebiet, dass von Konsumenten nicht mehr beherrscht wird. Dies sorgt für Frustrationen und dem Streben nach Empfehlungen „falscher“ alltagsferner Vorbilder (Models, Schauspieler, Top-Sportler, etc).

5.2 Entscheidungsfindung

Die Auswahlmöglichkeiten für Konsumenten steigen. Dieses Thema ist somit essentiell und eng verbunden mit dem Begriff der Objektivität. Es betrifft nicht nur Menschen in ihrer Rolle als Konsumenten, sondern ebenso in all ihren anderen Rollen (als Angestellter, Unternehmer, Familienvater, Wissenschaftler, etc.).

Die Wissenschaft unterteilt die Art und Weise, wie wir Entscheidungen fällen, in rational/emotional und in fremdgesteuert/selbstbestimmt.

5.2.1 Rational

Das Bestreben, die Realität objektiv abzubilden, ist das Ziel der Majorität aller zivilisierter Gesellschaften in unserer Zeitepoche. Datenbanken, Statistiken, objektorientierte Programmiermethoden mit denen intelligente mathematische Verfahren zur Informationsauswertung elektronisch abgebildet werden, geben uns die vermeintlichen Beweise, die wir für Entscheidungsfindungen benötigen.

5.2.2 Emotional

Die Korrektheit der auf Basis von wissenschaftlichen Big Data-Verfahren getroffenen Entscheidungen werden seit der Finanzkrise, in der die gesamte Systemintelligenz versagt hat, angezweifelt. Viele Konsumenten verlassen sich zunehmend auf ihre Intuition und ihre eigenen Erfahrungen.

5.2.3 Fremdgesteuert

Die Auswirkungen der Digitalisierung nehmen die Menschen am ehesten im Marketing wahr. Die sozialen Kanäle werden mit direkter oder indirekter Werbung geflutet. Marken/Brands werden aufgebaut und Werbebotschaften eingeblendet. Scheinbar seriöse Kanäle entwickeln sich subtil zu Werbekanälen. Es ist vergleichbar mit dem Fernsehen; heutzutage werden Filme nicht durch Werbung unterbrochen, sondern die Werbung von den Filmen. Diese Botschaften empfangen die Menschen bei allen Aktivitäten und an allen Orten (im Wald, den Bergen, beim Sport, usw.). Die Konsequenzen sind Konsum-Manipulationen, vor denen es kaum Schutz gibt, – ungeachtet ob die Leute den Botschaften gegenüber aufgeschlossen sind oder nicht.

In den Alltags-Konsum werden neue (kritische) Themen übergehen. Intelligenzmessungen via DNA-Screening-Apps, die Augenfarbe der zukünftigen Kinder (salonfähiges Gen-Editing), Wählerstimmenabgaben oder automatische Karriereplanungsvorgaben sind lediglich ein paar einfache Beispiele dafür.

Die Entstehung einer großen Zielgruppe, die kritische Entscheidungen, die heutzutage lange Entscheidungsfindungszeiträume mit sich bringen, im Affekt und im Effekt trifft, ist hoch wahrscheinlich. Durch die dynamische Preisgestaltung (dynamic pricing) unterstützt, wird diese Art des Konsumierens einen Wandel von der Bedürfnisorientierung zum effektbasierenden Konsum auslösen.

5.2.4 Selbstbestimmt

Selbstbestimmte Entscheidungen sind zumeist Entscheidungen in den Bereichen Partner/innen-Wahl, Freundeskreise oder Freizeitaktivitäten. Zielgruppen, die sich diese Privilegien aufrecht erhalten wollen, werden zunehmen; sie werden sich allerdings nur eine kurze Zeit dem gesellschaftlichen Wandel entziehen können.

 

In seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ beschreibt Nobelpreisträger Daniel Kahneman die Art und Weise, wie wir Entscheidungen fällen. Während wir versuchen, die Welt mit dem Verstand zu erfassen, sind wir permanent Opfer von Illusionen, die Fehlentscheidungen auslösen. Er beschreibt ebenfalls, wie wir durch Illusionen herbeigeführte Fehlentscheidungen wieder korrigieren können.
Die Korrektur von Entscheidungen wird, analog zum Treffen von rationalen Erst-Entscheidungen, schwieriger. Die Ursachen liegen in der unbestimmbaren und mangelnden Objektivität der uns vorliegenden Informationen.
In unserer heutigen internetbasierten Suchmaschinenwelt werden zuerst diejenigen Informationen gefunden, die am meisten nachgefragt oder am besten vermarktet wurden („Kaufargumente“).
Beide Möglichkeiten versprechen wenig Tiefgang oder Objektivität und sind für die Wissenschaft und tiefgehende Recherchen, die sich von denen der Massen abheben, ungeeignet; die heutigen Suchmaschinen schalten das Wissen von Gesellschaften auf einem niederen Niveau gleich.

 

Forschung oder investigativer Journalismus kosten Geld.
Die Forschung nimmt gerne Geld von der Wirtschaft an und opfert somit in vielen Fällen Objektivität und Unabhängigkeit. Nicht, weil die Ergebnisse der Forschungsarbeiten im Vorfeld feststehen und von der Wirtschaft diktiert werden (dies geschieht, ist jedoch nicht die Regel). Die Forschungsergebnisse sind nicht zu gebrauchen, weil die Forschungsbudgets oft nur 12 bis 24 Monate Forschungszeit abdecken und die Zeit danach ungewiss ist. Die Institute versuchen daher, die Forschungen in diesen Zeiträumen zu beenden (seriöses wissenschaftliches Arbeiten ist somit kaum möglich). Deswegen greifen die Forscher auf bereits existierende Forschungsergebnisse zurück, – ohne diese ausreichend zu validieren. Im Resultat sind die Fehlerquoten enorm gestiegen. Insbesondere in der angewandten Forschung, jedoch partiell auch in der Grundlagenforschung. Die in Horizont 2020 integrierte Forschergruppe „dies academicus veritas“ schätzt, dass aktuell ca. 25% der universitären Dissertationen auf falschen Daten beruhen. Dies wäre eine Zunahme von 83% in den letzten 15 Jahren.

 

Für Konzerne mit dicker Kapitaldecke ist diese Situation vermehrt Anlass, selbst (Grundlagen)-Forschungsabteilungen einzurichten, die branchenübergreifend agieren. Bestimmte Forschungsgebiete, wie beispielsweise Genom-Biologie, Gen-Editing, Wirtschaftsprognose-Verfahren, etc. sind maßgeschneidert für moderne Großrechner-Umgebungen, die nur wenige Universitäten und Institute ihren Forschern bereitstellen können.
Es findet eine Wissensverschiebung von staatlichen Einrichtungen zur Privatwirtschaft statt. Der Vorsprung der Privatwirtschaft wird so groß werden, dass selbst bloß die staatliche Überprüfung der Forschungsergebnisse kaum mehr möglich sein wird. Z.B. in den Bereichen der Lebensmittel- oder der Arzneimittelzulassung hinterlässt diese Situation ein Gefühl der Unsicherheit in den Gesellschaften.
Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten bleiben der Öffentlichkeit vorenthalten und sorgen für eine fundamentale Verschiebung der Machtverhältnisse zur Privatwirtschaft. Staaten werden dadurch unter den Druck der Wirtschaft geraten, so dass die Wirtschaft ggf. zukünftig für den schädlichen Lobbyismus nicht mal mehr bezahlen müsste.

 

Anmerkung:
Verschärft wird die Situation durch die Vergabe der staatlichen Forschungs- und Fördergeldverfahren (Steuergelder). 85% aller staatlichen Forschungsgelder werden Konzernen zugeteilt. Jedes mittelständische Unternehmen, dass sich mit Forschungs- und Fördergeldverfahren, z.B. des BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) beschäftigt, beklagt diese Zustände. Die Ideen der Konzerne sind nicht besser, – auch führen die staatlich geförderten Forschungsideen bei Großunternehmen häufig nicht mal zu Prototypen.
Die Auswertung der Anträge erfolgt über den DLR, der wiederum Professoren damit beauftragt. Immer wieder geschieht es, dass fachfremde Professorengremien die Anträge bewerten, z.B. Geschichtsprofessoren bewerten Hochtechnologie- oder Medizin-Anträge. Wiederholt zeigen die Ablehnungsbegründungen, dass die Anträge nicht verstanden oder nicht sorgfältig gelesen wurden. Viele Verbände mittelständischer Unternehmen beklagen diese Situation und fordern eine höhere Transparenz des gesamten Verfahrens als auch Fachzwang bei den Bewertungsgremien. Auf kommunaler Ebene sind die Verfahren transparenter und praxisnah. In Hessen existiert hier z.B. das LOEWE3-Fördergeldverfahren. Allerdings sind die Finanz-Ausschüttungen deutlich geringer und eine Hochschulbeteiligung beinahe Pflicht, so dass die Risiken bei der Innovationsentwicklung nur geringfügig reduziert werden.

 

Der investigative (Wissenschafts-)Journalismus steht vor ähnlichen Herausforderungen wie die Forschung. Die Branchen schreiben aus Kostengründen voneinander ab und bieten dem Menschen wenig Informationsvielfalt und -tiefe. Forciert wird dies durch den Umstand, dass alle großen Verlage in Deutschland vier Familien gehören und auch andere Medien, wie beispielsweise das Fernsehen, eine ähnlich geringe Diversität besitzen. Somit bleibt die Objektivität per se schon fraglich. Die Gleichschaltung auf niedrigem Niveau ist ein strukturelles Problem.

 

Die Leute nehmen diese Veränderungen wahr und fühlen die Reduktion der Selbstbestimmung als auch die wirtschaftsdiktatorische Art der Entscheidungsmöglichkeiten. Die Fremdsteuerung aller Lebensbereiche und die Ohnmacht der Auflehnung, selbst bei Entscheidung, mit wem wir befreundet sein wollen, führt zu Resignationen und Depressionen. Das Ergebnis ist eine abnehmende Lebensqualität durch Angstzustände (siehe Kapitel 6).

 

Anmerkung:
Eine Umfrage bei mehr als 100.000 Studenten in Europa brachte zutage, dass die Mehrheit der befragten jungen Menschen der Meinung ist, dass sie lediglich noch Entscheidungen beim Konsum treffen könnten. Alle anderen Entscheidungen in den Bereichen Legislative, Wissenschaft (Fördergebiete), Natur und Umwelt würde in den Händen lobbystarker Konzerne liegen.

5.3 Das Ende der klassischen Arbeit

5.3.1 Ausblick

Die Anzahl der Akademiker wird weiter zunehmen. Prozesse werden permanent optimiert und die Wertschöpfungsketten hoch effizient. Jede Arbeitskraft wird an Produktivität zunehmen. In den Bereichen Quanten-Engineering, bio-künstliche Intelligenz, Nanotechnologie, Optik und 3D-Druck werden zahlreiche neue Jobs entstehen.
Die meisten Tätigkeiten, die durch Anwendung klarer Regeln absolviert werden können, sind am Aussterben. Je unklarer die Regelwerke von Berufen sind, desto länger wird die Automatisierung dieser Berufsbilder dauern. In den nächsten 20 Jahren werden 60% aller aktuellen Berufe nicht mehr von Menschen verrichtet werden.
Ein paar unschöpferische monotone Jobs bleiben erhalten, – insbesondere in den Segmenten Finanzwesen, Telemarketing, Gesundheitswesen und Öffentlichkeitsarbeit. Die Globalisierung wird weitere Länder erfassen, in denen stupide Arbeit aufgrund niederer Löhne wirtschaftlicher bleibt als die mögliche Automatisierung.
Maschinen werden durch den Zugang an Daten deutlich klüger und entscheidungsfähiger als Menschen.
Dem Arbeitnehmer der Zukunft wird sein Expertenwissen nicht mehr ausreichen, denn sein Wissen konkurriert mit dem Wissen von künstlichen Intelligenzen (insbesondere softwarebasiert). Daher wird er zusätzlich fachübergreifendes Wissen benötigen, um aus dem großen Ganzen abstrahieren zu können (dies werden die KI’s mittelfristig noch nicht können).
Die Integration von bio-verträglichen Halbleiterelementen in den menschlichen Cortex, z.B. zur geistigen Leistungssteigerung, ist wahrscheinlich.
Von den Mitarbeitern wird in Zukunft eine 24-Stunden Erreichbarkeit erwartet werden, so dass sich Arbeitnehmer „internetfreie“ Pausen wünschen werden.

 

Gerechnet auf die Lebenszeit werden wir weniger arbeiten. Wir brauchen heute bereits 50% weniger Arbeitskräfte um das Arbeitspensum zu leisten, das wir vor 25 Jahren geleistet haben. Beispielsweise hatten wir in Deutschland vor 1954 ca. 200.000 Autowäscher, nach der Einführung von automatischen Waschstraßen reduzierte sich die Angestelltenzahl dieses Beruf innerhalb von 4 Jahren auf Null. 1912 wurden 4664 Arbeitsstunden für den Bau eines Autos benötigt, 1925 waren es noch 813 Stunden.

 

Tätigkeitsbilder, die sich mit Emotionsarbeiten befassen, werden der Automatisierung noch lange trotzen können (Psychologen, Schönheits- und Entspannungs-Therapeuten, Geistliche, etc.). Ebenfalls Berufe, die schwierige geografische Wege schnell zurücklegen müssen (Sportlehrer, Feuerwehrleute, Sondereinsatzkommandos, etc.).

 

Backhäuser in dörflichen Gemeinschaften waren früher Orte, an denen sich die Frauen austauschen und ihre Sorgen teilen konnten. Diese sozialen Orte, geschlechtsübergreifend, sind verschwunden (siehe Kapitel 3, Zerfall des öffentlichen Raums). Daher werden die emotionalen Berufsgruppen steigende Patientenzahlen verbuchen können.

5.3.2 Politisch-soziologische Lösungsansätze

Des Öfteren sind berufstätige Menschen in gewissem Maße bereits Arbeitgeber. Es kann nicht mehr darauf gewartet werden, bis die Wirtschaft Arbeitsplätze anbietet. Durch Kreativität und Schöpfungswillen kann jeder einzelne von uns neue Geschäftsfelder schaffen und diese an Unternehmen verkaufen.
Auch im Auf- und Ausbau von kommunalen Non-Profit-Organisationen können Mehrwerte erschaffen werden.
Parallel hierzu könnte das Engagement hinsichtlich der Trennung von Arbeit und Einkommen proportional zu branchenspezifischen Automatisierungsfortschritten vorangetrieben werden (stufenweises bedingungsloses Grundeinkommen oder andere Lösungen).
Das Bewusstsein, dass heutzutage nicht die Arbeit, sondern der Erfolg belohnt wird, dass eine akademische Ausbildung und Fleiß kein Freibrief mehr für Wohlstand ist und das Leistung und Einkommen bzw. Erfolg nicht zwingend miteinander einhergehen, muss geschaffen werden.

 

Wenn Kinder besondere Betreuung hinsichtlich der Vereinigung von Talenten/Fähigkeiten mit Interessen/Leidenschaften erfahren, wäre die Bilanz ein erfolgreicheres und daher glücklicheres Leben im Erwachsenendasein. Somit könnten Erfolgserlebnisse und Glücksgefühle gesteigert und der Volkskrankheit „Depression“ begegnet werden.

 

So zumindest sind die unterschiedlichen Konzepte verschiedener Kommissionen, die sich mit dem Aufbau neuer gesellschaftlicher Wertesysteme beschäftigen.

 

Die Suche nach dem Sinn der eigenen Existenz, einer erfüllenden Tätigkeit sowie nach Solidarität und Ansprache in einem öffentlichen Raum sollte nicht durch das aktuelle Arbeitsverhältnis in den Hintergrund gedrängt werden. Mut zur Auszeit, um ausreichend Zeit für die Entwicklung eines Lebensplans zu haben, wird letztlich durch mehr Lebensqualität belohnt. Diesen Ansatz verfolgt momentan ein skandinavisches Land, das einen finanziellen Ausgleich und verschiedene Betreuungsangebote für „Lebensneuplanungen“ vorsieht.

 

Die Kernfrage: „Wenn der eigene ungeliebte Job mit hoher Wahrscheinlichkeit zukünftig wegfällt, – was gibt es beruflich noch zu verlieren?“ wird derzeit, nicht nur von Linksintellektuellen, in vielen Erstländern diskutiert.

 

Die Hilfestellung für die Identifikation von individuellen Ansprüchen an ein erfülltes glückliches Leben wird ein essentielles Geschäftsfeld werden. Die Zielgruppen, die heute noch nicht existieren, liegen in den wegrationalisierten Berufen von Morgen.

5.4 Wohnraum und die Art des Wohnens

Wenn die Öffentlichkeit sowie die Arbeit stirbt, die Bereitschaft für Kompromisse und Solidarität schwindet, wirkt sich das auf unseren Wohnraum aus. Die Art, wie wir in Zukunft wohnen werden (müssen oder wollen), wird sich ändern.

Die rückläufige Anzahl von Ehe-Schließungen, die Zunahme der Scheidungen, die Menge der Single-Mietverträge sowie die zunehmende Lebenserwartung belegen dies.

 

Die Menschen werden zukünftig entweder alleine leben oder in wohngemeinschaft-ähnlichen Strukturen, die in Konkurrenz zu Alters- und Pflegeheimen treten. Aufgrund des knappen und daher teuren Wohnraums in Städten wird dieses Wohnmodell altersübergreifend Gang und gebe sein.

Dörfer und Kleinstädte, die im Radius von 20-30 km von Großstädten entfernt liegen, expandieren.

Während die Mehrheit der Menschen von Hightech im Bereich Smart Home umgeben sein wird, werden Minderheiten stolz darauf sein, technologielos zu leben.

 

Auch die Wünsche von Besserverdienern nach Autarkie im Bereich Energie und Medien werden, nicht zuletzt auch aus Misstrauen dem Staat gegenüber, zunehmen. Die Autarkie in Alltagsdienstleistungen etabliert sich insbesondere bei Geringverdienern; der 3-D Druck-Markt steigt und neue Druckverfahren drucken Heizungsthermostate ebenso wie Zahnkronen oder Vorhangstangen.

 

Dabei wird sich ein Schattengewerbe bilden. Dienstleistungen von Spezialisten werden sich viele Menschen nicht mehr leisten können. Daher implementieren beispielsweise „Hobby- Zahnärzte“ ihre 3-D Druck- Amateur- Zahnkronen weniger betuchten Patienten (diejenige Art von Patienten, die heutzutage z.B. für diese Arztdienstleistungen nach Polen fahren). Auch „Hobby-Ärzte“ könnten anhand medizinischer Smartphone-Adapter Arztdienstleistungen kostengünstig anbieten.

 

Die schlechten Aussichten auf Beschäftigung wirken beschleunigend auf die Veränderung des Wohnraums und der Zunahme des Schattengewerbes. Räume werden sowohl als Wohn- als auch Gewerberäume (Amateur-Arztpraxen, 3-D-Druck-Produktionen, etc.) genutzt werden.

5.5 Erotik und Reproduktion

Zukünftig wird die Menschheit die drei wesentlichen Aspekte von Beziehungen losgelöst voneinander entfalten; das Ausleben der Lust, die Fortpflanzung als auch die emotionale Nähe (“Liebe“) können partnerunabhängig zelebriert werden.

Kombinationen aus visueller und künstlicher Intelligenz, stimulierenden Wearables oder Bio-Implantaten sowie pharmazeutischen Produkten (zum Beispiel auf Basis von Neurotransmittern wie Serotonin und Dopamin) werden diese Unabhängigkeiten ermöglichen.

5.5.1 Reproduktion

Die Fortpflanzung wird zukünftig keine physikalische Begegnung zwischen Menschen mehr benötigen. In Ländern, deren Gesetzgebung dies bereits gestattet, wird die Reproduktion in zunehmendem Maße an Erbgutanalyse-Spezialisten ausgelagert. Der Embryo kann verändert werden, um ein möglichst krankheitsresistentes hübsches High-IQ-Kind zu bekommen. Die Austragung der optimierten Embryos erfolgt von Leihmüttern. Somit kann die spätere Mutter den Schmerzen als auch den negativen körperlichen Veränderungen entgehen. Voraussichtlich wird bis 2022 die künstliche Gebärmuttertechnik so weit sein, dass Leihmütter obsolet sind (extrauterine fetale Inkubation). Die aktuellen Schwierigkeiten für alleinstehende Frauen und Männer mit Kinderwunsch werden der Vergangenheit angehören.
Interessant zu beobachten ist die Tatsache, dass bei Lebenspartnerschaften häufig nicht das eigene Erbgut gewünscht ist; vielmehr werden Samen/Eizellen aus Spenderdatenbanken herangezogen.

 

Die Präimplantationsdiagnostik sowie das Einfrieren von Eizellen und Samen entwickeln sich zu normalen Methoden, auf welche die Menschen ebenso zurückgreifen werden wie heute auf den Kaiserschnitt oder auf Verhütungsmaßnahmen. Das zeitunabhängige Kinderkriegen wird zum Standard. Aktuell ist dies einer finanziell privilegierten Schicht vorbehalten, – doch die Preise fallen um 1 bis 3 % jährlich und es existieren bereits verschieden bepreiste Dienstleistungsportfolios.

5.5.2 Lust

Die Sinnes- und Lust-Befriedigung wird zunehmend von Technologie und Pharmazie begleitet werden. Durch in Mixed-Reality-Equipment integrierte Elektroenzephalografie und implementierte pharmazeutische Stimulanzien-Ausschüttungen werden künstliche Intelligenzen begehrte Avatare auf die Netzhaut zaubern und die Sinne losgelöst von realen Begegnungen stimulieren. Die Bio-Sensoren, anfangs in Ganzkörperanzügen eingenäht, werden in Echtzeit an den gewünschten Stellen für die entsprechenden Simulationen sorgen. Der Lustgewinn wird durch die Manipulation des ZNS an Intensität zunehmen.
Der reale Sexualpartner/in wird zwangsweise zur Intim-Enttäuschung werden. Erotik mit einer realen Person wird zur Anormalität. Auch werden die öffentlichen Räume, die ein gegenseitiges Kennenlernen ermöglichen, ebenso zerfallen wie die Fähigkeiten der sozialen Interaktion (z.B. Charme) zur Eroberung der avisierten Partner/innen.

5.5.3 Zielgruppen

Neben den Standard-Zielgruppen, die sich „Technologie-Erotik“ wünschen, wird es Zielgruppen geben, die auf natürliche Art und Weise Lust und Fortpflanzung wünschen. Allerdings wird es langfristig betrachtet gesetzliche Verordnungen geben, die eine natürliche Fortpflanzung zum Wohle des Kindes einschränken.

5.6 Tod

Der Tod ist ein Tabu-Thema. Daher sind nur wenige Informationen hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung bekannt. Die Untersuchungen einiger digitalen Friedhöfe sowie Gespräche mit Hospizen und statistische Erhebungen über die emotionalen Zustände von Sterbenden lassen dennoch einige Prognosen zu.

 

Einerseits strebt der Mensch nach der Unsterblichkeit, andererseits nach einem Leben mit garantiertem Ende. Die nach der Unsterblichkeit strebenden Menschen haben heute bereits die Möglichkeit, sich digital im Internet unsterblich zu machen. Es gibt digitale Beerdigungen und Friedhöfe. Stimm-Muster und verschiedene Charaktereigenschaften und Gedanken sind, ebenso wie Bilder und Filme, digital in den Internet-Grabsteinen konserviert. Künstliche Intelligenzen können Charakter von Verstorbenen nachahmen und anhand von Bildern die Verstorbenen als Avatar wieder zum Leben erwecken und ggf. sogar ins Smart-Home integrieren. Die sozialen Plattformen werden sich früher oder später ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzen müssen.

 

Doch auch die technische Entwicklung wird das reale Leben durch Implantate wesentlich verlängern. Die Konservierung von Gehirnen und deren Anbindung an das Internet zur Kommunikation mit der Außenwelt klingt sehr futuristisch, – dennoch gibt es bereits Förderprogramme, die die Forschungen auf diesem Gebiet unterstützen.

 

Andere Menschen wiederum möchten Sterben. Die Definition des eigenen Todeszeitpunkts wird zur Selbstverständlichkeit. Bereits heute reisen gesunde Menschen in die Schweiz um dort unter ärztlicher Aufsicht schmerzfrei sterben zu dürfen. Aufgrund der Bevölkerungszunahme werden sich in einigen Staaten Gesetze entwickeln, die ein Maximalalter vorgeben. Die Analyseverfahren des Erbguts werden zukünftig die natürliche Lebensdauer vorhersagen können.

 

Mitarbeiter der fünf größten Hospizen in Deutschland berichteten uns, dass immer mehr Menschen in Wut und Enttäuschung sterben. Nicht selten würde es sich dabei um karriereorientierte, auf die eigene Gesundheit bedachte Menschen handeln, die am Aufwachsen ihrer eigenen Kinder wenig Anteil hatten und sich vieles für die Zeit nach dem aktiven Arbeitsleben in einer Leistungsgesellschaft vorgenommen haben.

 

Wenn das eigene diagnostizierte Ende bereits ab der Geburt im Ausweis vermerkt wird, wird sich auch die Art zu leben verändern. Sie wird im Spannungsfeld „Leistung in kürzeren Zeitintervallen“ und der Abkehr von der Leistungsgesellschaft und der Rückführung zu philosophischen Lebensarten, denen der Begriff „Effizienz“ unbekannt ist, stattfinden. Die Menschen werden sich verstärkt damit auseinandersetzen (müssen), was im Leben (für sie) wirklich wichtig ist.

5.7 Recht auf Vergessen

Die Gehirnforschung, z.B. am MPI, feiert durch die permanent höheren Auflösungen sämtlicher Analyse- und Diagnosegeräte grandiose Erfolge. Die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte gespeicherte Erfahrungen in einzelnen Gehirnregionen in den nächsten 15 Jahren risikofrei gelöscht werden können, ist gestiegen. Somit könnte Menschen mit traumatischen Erlebnissen zu einem Neuanfang geholfen werden.

6. Angst durch Wandel: von der Welt des Versprechens zur Welt der Drohung

Es ist noch nicht einmal das erste Fünftel des 21. Jahrhunderts vergangen. Und doch scheint der Mensch intensiveren Angst-Belastungen ausgesetzt zu sein als alle Generationen zuvor.

 

Obwohl gemessen an den Geburtenzahlen im Verhältnis zu offenen Stellen noch nie eine Generation günstigere Chancen hatte als die gegenwärtigen Schulabgänger.
Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland, auch im Hinblick der Wirtschaftsentwicklungen anderer EU-Länder, ist positiv.
Es gibt mittlerweile Ganztagsschulen, Elterngeld und viele weitere soziale Absicherungen.
Unternehmensinterne Leistungen gegenüber Arbeitnehmern, z.B. flexible Arbeitszeiten, Home-Office-Arbeitsplätze, Work-Life-Balance-Angebote, Zuschüsse für Sportcenter oder für die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln, Ruheräume im Unternehmen, etc., werden beinahe überall angeboten.

 

Die Generationen zuvor hatten diese Annehmlichkeiten nicht.

Dennoch nimmt die Stimmung der Gereiztheit und der Ängste seit ca. 12 Jahren zu. Worin liegen die Gründe dafür?

 

Angst gibt es bereits mindestens so lange, wie der Mensch existiert.

 

Ängste, z.B. Arbeitsunfähigkeits-, Arbeitslosigkeits-, Altersarmuts-Angst, Schul-/Hochschul-/Klausur-Angst, Höhenangst, Existenzangst, Verarmungsangst, Krankheitsangst, Abstiegsangst, Bindungsangst, Inflationsangst, Kriegsangst, etc., sind in allen sozialen Schichten gegenwärtig. Auch sind die Ängste auf dem gesamten Zeitstrahl zu finden. So existiert die Angst vor der Zukunft genauso wie die Angst vor der Vergangenheit (z.B. dass etwas „Verborgenes ans Licht kommt“). Angst ist das Axiom, dass in allen Kulturen und Gesellschaften innewohnt.

 

Dennoch können unterschiedliche Angstarten durchaus kulturspezifisch sein.

 

Die größte Ökologie-Bewegung der Welt ist in Deutschland; nirgendwo sonst gibt es eine derart einflussreiche Grünen-Partei oder vergleichbar große Umwelt- und Natur-Schutzorganisationen. Dies sind die Folgen einer überdurchschnittlichen Angst vor negativen Umweltveränderungen.

 

Andererseits ist die reduzierte Angst der Deutschen (im Gegensatz zu Frankreich) bei wirtschaftlichen Veränderungen bemerkenswert. Dies äußerte sich nicht nur in der Wirtschafts- und Bankenkrise 2008, sondern auch bereits in den 70er und 80er Jahren, in denen die Industrie durch CNC-Maschinen Menschen wegrationalisierte (die darauf folgend noch Jobs im Dienstleistungssektor fanden).

 

Interessanterweise ist Angst überzeugungsresistent. Keiner kann den anderen davon überzeugen, dass seine Angst unbegründet ist. Das Sprechen über die eigenen Ängste und das damit zusammenhängende Gewinnen vielseitiger Ansichten ist beim Umgang mit den Ängsten hilfreich. In einer Gesellschaft, in der die Öffentlichkeit zerfällt, ist der zur Angstbewältigung wichtige persönliche Austausch mit anderen schwierig geworden.

6.1 Von einer Gesellschaft des Versprechens zu einer Gesellschaft der Bedrohung – Existenzängste als Resultat von Abstiegs- und Arbeitslosigkeitsängsten

Die Menschen, die in den 70er und 80er Jahren geboren wurden, konnten sich darauf verlassen, dass die eigene Leistung eng verbunden mit der eigenen Karriere war. Der Aufstieg durch Bildung war mehr als eine politische Richtung, es war ein Versprechen, dass dieser Generation von den Eltern und Großeltern, seit Kindestagen an, gegeben wurde.
Diese Gesellschaft des Versprechens entwickelte sich zu einer Gesellschaft der feinen Drohungen. Die jungen Erwachsenen heute sollen nicht nur akademisch sein, sondern sollen darüber hinaus performen und dabei noch Gelassenheit zeigen.

 

Die, auf den ersten Blick kaum erkennbaren, aber vorhandenen Drohungen, liegen in nie endenden Gratifikationsansprüchen. Bescheinigungen, z.B. ein Abiturzeugnis oder ein Master-Abschluss, sind heute nur noch wenig wert, wenn nebenbei nicht zusätzlich noch Zertifikate erworben wurden (Softskills, Sprachen, Praktika, etc.).

 

Eine von der Gesellschaft anerkannte Institution (Schule/Hochschule) stellt einem jungen Menschen ein Zertifikat aus, dessen Anerkennung er sich nicht sicher sein kann – es reicht womöglich nicht aus, um die Zukunft anzugehen.
Die Struktur der Bildungswettbewerbe in OECD-Ländern hat sich auf eine für die Menschen unsichere Ebene verlagert.

 

Woher rührt diese neue Unsicherheit?

 

Es geht in eine Welt, in der diejenigen Länder, auf die bisher mitleidig geblickt wurde (z.B. die BRIC-Staaten), schnell aufholen. Das Zeitalter des Morgenlandes ist angebrochen.

 

Eine starke historische Trendumkehr ist zu konstatieren, die die Menschen spüren (ohne es zu wissen). In dem Maße, wie durch die Globalisierung die Ungleichheiten zwischen den Gesellschaften weltweit abnehmen, nehmen sie innerhalb des OECD-Raums zu.

 

Wir haben heute in Deutschland eine Bewegung bei ca. 10% der Bevölkerung, denen es in den letzten 20 Jahren immer besser gegangen ist. Haushalte, in denen die Menschen eine schöne und gut bezahlte Arbeit haben und die sich immer noch Eigentumswohnungen leisten können.

 

40% der Bevölkerung leben indes in der Situation des prekären Wohlstands. Diese soziale Schicht kommt gerade so über die Runden und sie spürt das Gefühl, dass die Gentrifizierung unmittelbar an der Mietwohnungstür angekommen ist.
Seit bestehen der Bundesrepublik war die Anzahl dieser Menschen nie ähnlich hoch.

 

Zuwanderung ist somit für die Leute nicht nur eine Angst vor möglichen Gewalttätigkeiten, sondern auch die Angst vor mehr Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt.

 

Ein gutes Zeugnis und Fleiß reichten bis vor 20 Jahren noch aus, damit es der nachfolgenden Generation besser geht als deren Eltern. Die Erfolgsgeschichten, Großvater war Bandarbeiter bei Daimler, Vater ist Meister und Tochter wird Ärztin, gab es häufig. Dieses Versprechen gilt heute nicht mehr. Die jungen Menschen müssen sich in einem scharfen Konkurrenzfeld bei ungewissen Zukunftsaussichten mehr anstrengen.

 

Die Teenager heutzutage haben mehr Entscheidungsmöglichkeiten als früher. Sie sehen in den Wahlmöglichkeiten keine neuen Freiheiten, sondern Risiken falsche Entscheidungen zu treffen. Die Bedeutung einer jeden einzelnen Entscheidung wird ernster genommen als in den Jahren zuvor.

 

Doch auch diejenigen Menschen, die an ihrem beruflichen Ziel angekommen sind (z.B. die über 45 Jährigen), werden von Abstiegsängsten geplagt. Die Gentrifizierung ist ebenfalls in der Berufswelt angekommen.
Jemand, der sich beispielsweise nach einem guten Abitur für einen Kreativberuf entschieden hat, muss die zu teuer gewordene Mietwohnung verlassen und diese einem neuen Eigentümer, z.B. einem Softwareentwickler mit deutlich schlechterem Abitur, überlassen. Die Differenz der Entlohnung, die der Kreative nach dem Abitur bewusst in Kauf genommen hat, ist im Laufe der Zeit unverhältnismäßig stark angestiegen, so dass nun die Existenz gefährdet ist.
Aus Karrieresicht lag der einzige Unterschied in der Wahl des Studiums nach dem Abitur.
Die starke Zunahme der Einkommensdifferenz zwischen den Berufen in Kombination mit den Lebenshaltungskosten in Städten war unvorhersehbar.

 

Diese Situation betrifft natürlich nicht nur die Abiturenten unter sich, sondern zieht sich durch die gesamte Gesellschaft.
Es ist keine Seltenheit mehr, dass Menschen ohne Bildungsabschluss oder mit niedrigem Bildungsabschluss mehr verdienen, als Menschen die viel Geld und Zeit in anspruchsvolle Ausbildungen investiert haben.

 

Wir haben 42.000 Rechtsanwälte mit den Schwerpunkten Strafrecht, Verkehrsrecht, Arbeitsrecht und Familienrecht befragt. Wir wollten von den Anwälten wissen, wie viel Prozent ihrer Mandanten keinen Hochschulabschluss haben und ein um 30% (oder mehr) höheres Einkommen haben als die Anwälte selbst. Das Endergebnis lag bei 40% der Mandanten. Wir bekamen nach der Umfrage viel Post von den Anwälten, die unsere Umfrage spannend fanden und über die Situation in Deutschland frustriert sind.

 

Andererseits entsteht derzeit ein expandierendes hart arbeitendes Dienstleistungsproletariat (z.B. in der Gebäudereinigung oder -bewachung, Paketlieferdienste), innerhalb dessen ein Aufstieg unmöglich ist und dessen Entlohnung zum Leben kaum ausreicht. Zurzeit betrifft dies ca. 15 % der Bevölkerung in Deutschland.
Eine Vielzahl der Beschäftigten in diesen Branchen hat sich mit seinem Schicksal abgefunden; doch das Wissen darum, dass die Situation noch viel schlechter werden wird (Wettbewerb aus Ost-Europa, Automatisierung, etc.), löst berechtigterweise Angstzustände aus, die sich in Wut, Ohnmacht und unkonventionellem Wahlverhalten ausdrücken.

 

Dies schürt das Ungerechtigkeitsempfinden, steigert die Existenzängste in den Gesellschaften, spaltet die Mittelschichten, und führt politisch zum Protektionismus.
Die Gesellschaft wünscht sich die Wiederherstellung des alten Systems und merkt, dass dies mit der politischen Führung nicht möglich ist. Der Ruf nach einer völlig neuen politischen Regierung wird stärker, was wiederum diejenigen ängstigt, die mit ihrer aktuellen Lebenssituation zufrieden sind.

 

Der Neo-Liberalismus hat in den letzten 20 Jahren nachweislich zu Ungerechtigkeiten weltweit und somit zu Angstzuständen in den Bevölkerungen geführt.
Der Neo-Liberalismus argumentiert, dass Ungleichheit das Leistungsprinzip steigert und solange kein Problem darstellt, wie alle sozialen Schichten, auch das Proletariat, davon profitieren. Es ist nun jedoch der Zustand eingetroffen, in dem die unteren Schichten nicht mehr davon profitieren und sich die mittleren Schichten auflösen.
Die Mittelschicht ist sich der fortschreitenden Digitalisierung bewusst. Sie weiss, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, selbst bald in das Proletariat abzusteigen.

 

Aufgrund der Zerstörung Deutschlands im Zweiten Weltkrieg sind die Erbengenerationen unterbrochen worden. In anderen Traditions-Ländern (z.B. England oder Frankreich) häuften sich von Generation zu Generation Immobilien und andere Vermögenswerte an; viele Familien können ihren Lebensunterhalt ohne zusätzliche Arbeit sichern (z.B. durch Mieteinnahmen), daher sind große Teile der ehemaligen Mittelschicht in England bereits privilegierten Schichten zuzuordnen.

 

Bisweilen hatten politische Führungen Angst vor der Unzufriedenheit von Völkern, denn sie führten häufig zu Revolutionen oder zu chaotischen Systemen.
Zurzeit experimentieren hingegen zwei Länder, nämlich die USA und England, mit einem neuen Gesellschaftsmodell. Dabei handelt es sich um ein Gesellschaftssystem, welches „ohne“ Mittel funktioniert.
Auf der einen Seite gibt es die Privilegierten und auf der anderen Seite die Unterprivilegierten. In San Francisco lässt sich dies gut in den großen Supermärkten beobachten, in denen die Unterprivilegierten die Regale einräumen und den Privilegierten die Waren in die Tüten packen.
Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft, definiert in den 60er Jahren durch Helmut Schelsky, ist dort so gut wie ausgestorben.

 

Jede demokratisch orientierte Partei war nach 1945 bestrebt, eine stabile Mittelschicht mit fairer Gesellschaftsstruktur aufrecht zu erhalten. Zerfallen diese Gesellschaftsschichten, so die bisherigen Befürchtungen der Staatsführungen, steigen die Risiken für die Zunahme gesellschaftlicher Angstzustände, die zu Aufständen führen könnten.

 

Die Experimente in den USA und England zeigen jedoch, dass die Aufstände ausbleiben. Die Privilegierten und Unterprivilegierten führen ein „revolutionsfreies“ Leben nebeneinander. Dieses Gesellschaftsmodell macht Schule und wird aktuell zum Exportschlager.
Die Dramatik daran ist, dass sich nun auch die Regierungen im alten Europa an diesem Gesellschaftsmodell orientieren. Gesellschaften ohne Mittelschicht, in der die Privilegierten und die Unterprivilegierten direkt Aufeinandertreffen (wie in Entwicklungsländern), scheinen auch in Europa zu funktionieren (Beispiel England). Warum sollten die Regierungen in Europa weiterhin um den Erhalt der Mittelschicht kämpfen und die Risiken einer teuren sozialen Marktwirtschaft innerhalb eines hart umkämpften globalen Länderwettbewerbs eingehen?

 

90% aller Einwohner im alten Europa sind der Meinung, die Politik ist in der Pflicht, gegen die Ungerechtigkeiten vor zu gehen. Auf die Frage, ob die Einkommensunterschiede abgeschafft werden sollten, antworteten 53% der Bevölkerung in England mit einem klaren Nein. Sie sind der Meinung, dass es in einer dynamischen Gesellschaft Chancen geben muss, die sich in einer unvermeidlichen Einkommensdifferenz abbilden müsste; 70% der Bevölkerung sind der Meinung, dass Arbeitsleistung im Verhältnis zum Einkommen stehen müsste.
In diesen Aussagen ist zu erkennen, dass der Bevölkerung die Unterschiede zwischen Erfolg und Leistung nicht bewusst sind. 44% der Befragten sind der Meinung, dass Fleiß unweigerlich zu Erfolg führt. Dies ist mitunter auch ein Grund, warum viele Menschen glauben, dass sie selbst noch in die Schichten der Privilegierten aufsteigen könnten.

 

Tatsächlich ist die Arbeitsleistung, ungeachtet ob intellektuelle oder körperliche Leistung, losgelöst vom Erfolg. Erfolg ist mittlerweile stärker von der Herkunft als der Arbeitsleistung abhängig (das deutsche Steuergesetz unterstützt diese Konstellation zusätzlich).

 

Wenn in Europa hunderttausende Menschen aufgrund von vorhandenem Vermögen nicht mehr arbeiten müssen, um den Lebensunterhalt zu sichern, und ein Mensch aus ärmlicheren Verhältnissen trotz Fleiß, hoher Bildung und überdurchschnittlichem IQ den Lebensunterhalt kaum mehr verdienen kann, sind die Begriffe Leistungsgesellschaft und soziale Marktwirtschaft nur Worthülsen.

 

Die Verantwortung hierfür liegt in kapitalistischen Methoden, die die soziale Marktwirtschaft zunehmend unterwandern. Wenn das gesamte Umfeld auf Effizienz getrimmt wird, bleibt dem Menschen keine andere Wahl, als das eigene Leben ebenfalls auf Effizienz zu trimmen. Der Mensch bietet sich selbst auf dem Markt als „Ware“ unter verschärften Bedingungen an.

 

Die Philosophie kennt den Begriff der Effizienz nicht. In der Philosophie kommen Theodor Adorno und Max Horkheimer mit ihrem Begriff der instrumentellen Vernunft („verwertungsinteressen-orientiertes Denken“) der Effizienz am nächsten. Das Denken um die praktische/theoretische Vernunft begann in den Zeiten der Aufklärung (1650 – 1800 Jahrhundert) und wurde von Hegel und Nietzsche bis kurz vor 1900 fortgeführt. Irgendwann kippte das Denken von der praktischen/theoretischen Vernunft zum Denken der instrumentellen Vernunft, danach zum regulierten Kapitalismus, der anschließend zum deregulierten Kapitalismus der Gegenwart mutierte.
Seit die Systemkonkurrenz des Kapitalismus, der Kommunismus im Osten, weggefallen ist, radikalisiert sich der kapitalistische Prozess. Der Mensch wird zum Einzelkämpfer, die Menschen entsolidarisierten sich von der Gesellschaft und bekräftigen somit den Zerfall der Öffentlichkeit.
Der Kapitalismus expandierte sehr schnell zur kapitalistischen Diktatur in den Ländern, in denen nicht korrigierend eingegriffen wurde. Die erforderliche permanente Korrektur des kapitalistischen Systems durch die Politik scheint, wie oben erwähnt, auszubleiben wenn die Folgen keine Gefahren für die Staaten mit sich bringen (Beispiel England, USA). Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten, Angstzustände, Unterdrückung, Depressionen, usw. in der Bevölkerung als Folgen des kapitalistischen Diktats werden von der Politik akzeptiert, sofern die Staatsorgane selbst (die zu den Privilegierten gehören) ungefährdet bleiben.

 

Für den Erfolg des Marketings ist das Wissen über diese Entwicklungen und der entsprechenden „Kipp-Zeitpunkte“ essentiell. Ungeachtet, ob Zielgruppen in privilegierten oder unterprivilegierten Schichten angesprochen werden sollen, – die unterschiedlichen Ängste sind fruchtbare Nährböden für hohe Verkaufszahlen. Voraussetzung dafür sind subtile Konsumenten-Ansprachen, die deutlich intelligenter konstruiert sein müssen als die althergebrachten Kampagnen von Versicherungskonzernen, die ausschließlich mit den Ängsten der Menschen (und Unternehmen) arbeiten.

6.2 Sicherheitsängste

Viele Angstarten sind eng miteinander verwoben, so dass sie nicht losgelöst voneinander betrachtet werden können. Die Existenzangst als auch die Angst vor Gewalt sind die Ängste, die aktuell in Bevölkerungen des alten Europas weit verbreitet sind.
Die Folgen des derzeit schleichend stattfindenden Gesellschaftswandels steigern berechtigterweise die Sicherheitsängste in der Gesellschaft.

 

Das Resultat der Zunahme der Ungleichheit in der Bevölkerung ist ein sich ausbreitendes Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Widerfährt den Menschen Ungerechtigkeit, ist dies häufig Anlass und Argument dafür, selbst ungerecht oder ungesetzlich zu agieren. Ist der erste Ungerechtigkeitsverursacher zu übermächtig (z.B. der Staat), wird der Frust an anderen, eigentlich nicht betroffenen, ausgelebt.

 

Das Ausleben der Frustrationen ist facettenreich und zieht sich durch alle Kultur-, Bildungs- und Einkommensschichten. Opfer von Haus- oder Wohnungs-Einbrüchen rüsten technisch auf und installieren Kamerasysteme, die mehr als nur die eigenen Grundstücke beobachten oder bewaffnen sich bzw. beauftragen private Sicherheitskräfte; Opfer von Erpressungstrojaner werden selbst zu Digitalverbrechern; Menschen, die Opfer körperlicher Gewalt wurden, werden zu Protestwählern; Arbeitnehmer, die trotz 40-Stundenwoche noch zum Sozialamt gehen müssen, legen die Arbeit nieder, beantragen Arbeitslosengeld 2 und arbeiten schwarz; Literaturwissenschaftler, die trotz hervorragender Zensuren keinen Job finden, schreiben Fake-News; Menschen, die keine Perspektiven mit ihrem Lebenslauf sehen, kaufen sich neue Identitäten im Darknet und begehen Sozialbetrügereien, usw (die Realität ist weniger statisch und mehrdimensionaler als hier beschrieben).

 

Besonders tiefgreifende gesellschaftliche (regionale) Auswirkungen entstehen, wenn sich die ungerecht-behandelten Menschen organisieren.
Diese Organisationen sind häufig rechtmäßig und nutzen legale Instrumente, z.B. in Form von Bürgerinitiativen oder Vereinen, um Änderungen herbeizuführen oder sich gegenseitig zu unterstützen.
Andere gruppieren sich zu Organisationen, die weniger transparent sind; diese Organisationen akzeptieren die Staatsgewalt beziehungsweise das Gewaltmonopol des Staates, in dem sie leben, nicht. Sie respektieren religiöse Gesetze, die Gesetze und Kulturen anderer Länder oder sie haben eigene neue Regelwerke, denen sie folgen. Nicht selten sind unter diesen Organisationsformen auch radikale Ausprägungen vorhanden.

 

Beide Organisationsarten sind im Aufwind, wobei die intransparenten Organisationen ausgabefreudiger und über stärkere finanzielle Mittel verfügen (deren Legalität durchaus zweifelhaft sein kann, – für den Konsum ist dies jedoch irrelevant).
Vereinigungen, wie beispielsweise die Osmanen Germania, die sich sehr schnell in Hessen ausbreiten, wachsen wie Pilze in allen Bundesländern aus dem Boden. Auch die überregional agierenden traditionellen Verbindungen, z.B. Hells Angels, Banditos, etc. nehmen trotz Verbote weiter an Mitgliedern zu. Die Polizei und der Verfassungsschutz verfügen bei weitem nicht über die Ressourcen, um diese Organisationen zu kontrollieren. Selbst die an allen Plätzen aufgestellten Kameras, die die Straftaten aufnehmen, führen weder zur Reduktion der Straftaten noch zur Ergreifung von Tätern.
Hier helfen die von den staatlichen Medien veröffentlichten Anti-Angst-Kampagnen nicht weiter. Beispielsweise hat der durch das Satire-Gedicht über Recep Tayyip Erdogan bekannt gewordene Moderator, Jan Böhmermann, über 20 Millionen Youtube-Klicks mit seiner gut gemeinten, an die Jugend gerichtete Anti-Angst-Rap-Musik eingesammelt (scheinbare Sicherheit „Polizei“).
Die Realität ist jedoch eine andere – das erfahren die Menschen täglich.

 

Die digitalen Angriffe auf Unternehmen nehmen zu. 10% dieser Angriffe werden aufgeklärt. Dabei handelt es sich nicht um regierungsnahe Hacker aus den USA, Russland oder China, die die Angriffe auf mittelständische Unternehmen ausführen, sondern über inländische Banden deren Ziele Konsumentendaten, z.B. Adressdaten, E-Mail-Adressen, Kreditkartendaten, usw., sind.

 

Verbale oder körperliche Angriffe auf Schutzbedürftige (ältere Menschen, Obdachlose, Kinder) oder auf Rettungskräfte haben Hochkonjunktur und gehören zum Alltag. Die neue „Halb-Polizei“, auch Stadtpolizei genannt, die den Ordnungsämtern unterstellt ist und die „richtige“ Polizei entlasten soll, ist dabei wenig hilfreich (und gehört selbst zum Mindestlohnempfänger- und somit zum Frustrations-Klientel). Doch gerade die Bagatelle-Angriffe im Alltagsleben der Menschen bleiben besonders in deren Gedächtnis haften.

 

Die Folgen von Frustrationen sind nicht nur neue Gruppierungen in Form von Non-Profit- oder (radikalen) Organisationen, sondern auch Depression und Isolation. Noch nie war die Anzahl von Suiziden und Depressionserkrankungen so hoch wie heute. Dies spült viel Geld in die Kassen der Therapeuten und der Pharmaindustrie. Doch auch die „Behandlungen“ außerhalb des Gesundheitswesens, innerhalb des Drogen-Milieus, profitieren davon.

 

Die Ängste vor der Verletzung der eigenen körperlichen Unversehrtheit (körperliche Angriffe) und der Privatheit (Wohnungseinbrüche) gepaart mit dem Wissen der Hilflosigkeit oder des Desinteresses des Staates sind auf einem Höchststand in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

 

Die unterschiedlichen Angstarten sind soziologisch in den differenzierten Gesellschaftsschichten einfach zu identifizieren und in Zielgruppen zu klassifizieren. Für diese Zielgruppen (sowohl in privilegierten als auch in den unterprivilegierten Schichten) gibt es passende Produkte und Services aus beinahe jeder B2C-Branche, so dass die Verkaufszahlen gesteigert werden können, – eine intelligente angemessene Ansprache vorausgesetzt.

6.3 Angst durch Ansprüche an sich selbst

Ein wesentlicher Grund für die Ängste liegt ebenfalls in den Ansprüchen der Menschen an sich selbst.

 

Warum finden die heutigen Eltern beispielsweise, dass ihre Elternschaft schwieriger sei als die Elternschaften aller vorhergehender Generationen?
Die soziologischen Studien zeigen, dass es an den Eltern selbst liegt – an deren eigenen Ansprüchen an eine gelungene Elternschaft.

 

Die Angst, womöglich nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben, ist gegenwärtig. Die häufig in Assessment Centern durchgeführten Potentialanalysen schlagen mittlerweile in das Privatleben der Menschen durch. Fragestellungen wie „spiele ich wirklich alle Potentiale, die ich in mir vermute, auch aus?“, „verpasse ich aktuell irgendetwas an mir selbst?“
Hier spielt auch das soziologische Konstrukt der relativen Deprivation, das subjektive Erleben von Benachteiligungen, die dazu führen, dass sich Menschen diskriminiert fühlen (im Vergleich mit anderen Eltern), eine essentielle Rolle.

 

Es gibt z.B. in Bayern und Baden Württemberg sehr viele Eltern, die bis tief in die Nacht ängstlich darüber diskutieren, ob ihre Kinder beim Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule eine Gymnasialempfehlung erhalten und welche Folgen entstehen, sollte die Empfehlung nicht ausgesprochen werden (in diesen beiden Bundesländern entscheiden nicht nur die Zeugnisse); „Müssen wir die Schande auf uns nehmen, dass unser Kind auf eine Realschule geht?“.
Besonders groß sind die Ängste bei denjenigen Eltern, die selbst Abitur oder einen Hochschulabschluss haben.

 

In Deutschland ist die aktuelle Gymnasialquote bei 50%, in einigen Großstadtbezirken gar bei 60% bis 70%. Daher ist die Angst der Eltern, dass das eigene Kind nicht dieselben Chancen bekommt wie die anderen Kinder, sehr hoch.
Die Frage, ob das Kind auf ein Gymnasium gehen wird oder nicht, wird zur Frage des Lebenserfolgs insgesamt und der Zukunft der Familie.
Alle anderen rationalen Chancen, z.B. Gymnasiumbesuche des Kindes auf dem zweiten Bildungsweg oder die Tatsache, dass nicht-akademische Berufe in Zukunft erfolgreicher sein könnten, werden ausgeblendet. Das ist das Teuflische an der relativen Deprivation.
Eine Stufe extremer wird es, wenn das Kind bereits auf dem Gymnasium ist und die Eltern im Gespräch mit anderen Eltern erfahren, dass ein anderes Gymnasium, auf welches die Kinder der anderen Eltern gehen, womöglich erfolgversprechendere Angebote bereitstellen (z.B. besondere musische, mathematische oder werte-orientierte Angebote).

 

Es gibt somit nicht nur die Bedrohung, durch die unkontrollierbaren äußeren Umstände, sondern auch durch uns selbst.

7. (Marketing)-Chancen

Die kommerzielle Berücksichtigung und Abstraktion

  • des gesellschaftlichen Wandels durch den Zerfall der Öffentlichkeit
  • der sich ausbreitenden Digitalisierung, die den Zerfall beschleunigt
  • der Zunahme von Wahlmöglichkeiten in essentiellen komplexer werdenden Lebensbereichen und die damit einhergehende Konsumenten-Verunsicherung
  • der Verbreitung von Ängsten und Gereiztheiten in weiten Teilen der Bevölkerungen
  • der Gleichschaltung von Unternehmenssoftware und Prozessen durch internationale Konzerne

ist kein einfaches Unterfangen.

 

Die Mehrheit aller Unternehmen ist für die Bewältigung dieser großen Herausforderungen auf externe Hilfe angewiesen.
Wird den Herausforderungen richtig begegnet, werden sie sich zu umsatzstarken Chancen entwickeln, – auch für mittelständischen Unternehmen.

 

Es gilt im ersten Schritt, folgende Fähigkeiten auf- und auszubauen:

  • Frühzeitig tief einschneidende, neue als auch bereits bekannte, gesellschaftliche Wandlungen auf Basis geschichtlicher Ereignisse zu identifizieren
  • Kurzfristige Stimmungen in Gesellschaftsschichten wahrnehmen oder selbst herbeizuführen
  • Interne Angebots- und Verkaufshistorien mit den gesellschaftlichen Wandlungen und Stimmungen zu abstrahieren
  • Hohe Geschwindigkeit bei der Produkt-, Service- und Marketing-Entwicklung um auf (soziologische) Veränderungen oder Stimmungen zu reagieren
  • Identifikation von Trend- und Stimmungs-Kippzeitpunkten (angepasst an die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten bzw. Zielgruppen)
  • Möglichkeiten zur dynamischen automatisierten kanalübergreifenden Individualisierung und Personalisierung (Content, Preis, Zeit, Lebenssituation, Lebensereignis, Wettbewerb)
  • Schneller Aufbau und Etablierung von Partnernetzwerken
  • Optionen für Auf- und Umbau interner Organisationsstrukturen um schnell auf geänderte Marktsituationen zu reagieren
  • Erkennung neuer Geschäftsmodelle gepaart mit Prozessen zur frühzeitigen Unterscheidung von Tops und Flops
    dynamische, angepasst an Marktveränderungen, Zuordnung von Menschen zu Zielgruppen (teilweise wechselt die Zuordnung von Menschen zu
  • Zielgruppen mehrmals die Woche, oder Zielgruppen werden generell obsolet oder es müssen neue Zielgruppen in Echtzeit definiert werden)

7.1 Stimmungserkennung und -erforschung

Neben der Trenderforschung und der Trenderkennung, die bereits beschrieben wurde, ist die frühzeitige Erkennung von (kurz anhaltenden) Stimmungen in Gesellschaften eine weitere Möglichkeit zur (einfachen) Absatzsteigerung. Der Aufbau eines Kennzahlensystems zur Erkennung und Einschätzung von Stimmungen bietet sich hierfür an.
Kennzahlensysteme sollten mehrere relevante Informationsquellen und Bewertungsverfahren inkludieren. Die aus den Medien bekannten „Stimmungsbarometer“, deren Basis häufig statistisch irrelevante Konsumenten-Umfragen (z.B. in Fußgängerzonen) oder Befragungen kleiner Einzelhändler sind, können für ein Kennzahlensystem nicht herangezogen werden.

 

Zwei Outdoor-Ausrüster, die nach der Wahl des neuen US Präsidenten die Vermarktungskanäle, die Verkaufszahlen, die Bewertungen sowie die unterstrichenen Stellen (nur bei eBooks) der Bücher „Die Abstiegsgesellschaft“ und „Überleben nach dem Ernstfall“ analysiert und die Strategie der herausgebenden Verlage näher betrachtet hatten, waren in der Lage, exakte Marketingbotschaften auf passenden Kanälen für eine ängstliche aber resignationsfreie gut verdienende männliche Zielgruppe zu platzieren.

7.2    In welche Richtung schlägt der gesellschaftsverändernde Trend des 21. Jahrhunderts aus?

Dass die Gesellschaften aktuell am Anfang einer Umgestaltung/Erneuerung stehen, die an Intensität, der vor 2000 Jahren stattgefundenen Umgestaltung ähnlich ist, wird von keinem Experten bestritten.
Es geht vielmehr um die Frage, in welche Richtung sich der Trend entwickeln wird. Zur Klärung dieser Frage dienen den Fachleuten Theorien, die den Kapitalismus kritisch beleuchten. Dafür eignen sich die den Kapitalismus beschreibende Werke, wie z.B. diejenigen von Joseph Schumpeter, weniger. Wesentlich seltener und gleichermaßen wichtiger sind die komplexen Theorien über die Strukturen und die Entwicklungen kapitalistischer Systeme. Die interessantesten Theorien sind die von Karl Marx. Daher erlebt „das Kapital“ von Marx derzeit eine Wiedergeburt.

 

Marx hat die Folgen der Automatisierung bereits vor 1860 bemerkt und beschrieben. In seinen berühmten Werken „das Kapital“ und „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ beschreibt Marx den Kapitalismus jedoch nicht nur als ein System des internen Untergangs, sondern er sieht in jeder kapitalistischen Untergangslogik ebenfalls eine neue Befreiungs- Logik. Die ganze Marx’sche Rekonstruktion des Kapitalismus ist angelegt auf eine revolutionäre Veränderung der kapitalistischen Gesellschaft, – getragen von einer neuen Klasse.
Es wird daher ein Akteur benötigt, der die kapitalistischen Verhältnisse zur neuen Klasse ändert. In Deutschland gibt es diesen Akteur nicht (mehr). Keine Partei und keine parteilosen Akteure können relevante Mehrheiten in Deutschland bewegen.

 

Folglich müssen die Veränderungen aus der Gesellschaft kommen. Doch welche gesellschaftlichen Strömungen könnten dazu führen?

 

Viele Soziologen sehen zwei Strömungen.

 

Die erste Strömung möchte den Neo-Liberalismus nicht mehr. Die Begeisterung für das starke Ich hat abgenommen; es wurde erkannt, dass es fruchtlose Konsequenzen mit sich bringt, wenn jeder ein starkes Ich sein kann. Die „Ich-AG“ wurde als Unwahrheit erkannt.
Die zweite Strömung bezweifelt die post-moderne Ansicht, dass die Wahrheit stets von demjenigen abhängig ist, der sie sagt.
Es gibt somit zwei Strömungen, – die eine wendet sich vom Neo-Liberalismus ab und die andere von der Post-Modernen.

 

Doch wohin geht es – wem gehört die Zukunft?

 

Die ursprüngliche Kriegsbetroffenheit, die das deutsche Volk einst einte, existiert nicht mehr.
Viele Geisteswissenschaftler sind der Meinung, dass sich das Bewusstsein der gegenseitigen Abhängigkeiten untereinander und der damit einhergehenden Wechselseitigkeiten in der Bevölkerung als dominante Bewegung herauskristallisieren wird. Sie sind weiterhin der Meinung, dass diejenige politische Institution Mehrheiten bekommt, die dies als Erstes erkennt, fördert und in verständliche Worte fassen kann, – ohne sich dabei auf bestimmte Klassen oder Gesellschaftsschichten zu konzentrieren.

 

Die andere große Fraktion der Wissenschaft sieht diese Bewegung, in der das eigene Ich zurückgenommen wird, nicht. Oder bezweifelt die vermeintlich dominante Ausprägung dieser Bewegung. Sie prognostizieren einen radikalisierten, nicht mehr zivilisierbaren Kapitalismus.
Sie sagen voraus, dass der Mensch weiterhin und im verstärkten Maße versuchen wird, sich Vorteile gegenüber anderen Menschen zu verschaffen. Die Spezialisten sehen in der Wirtschaft eine milliardenschwere Institution, die das eigene Ich permanent berieselt und dazu verführen wird, weiterhin nur sich selbst zu sehen. Unternehmen werden in der Werbung diejenigen Konsumenten als Gewinner bezeichnen, die am wenigsten für ein Produkt oder eine Dienstleistung bezahlen.
Dies würde der Solidarität unter den Menschen weiter entgegenwirken. Die Preisgestaltung der Zukunft würde hoch dynamisch werden, – weil orientiert an Events („Chips und Cola werden bei Fußball-WMs teuerer“, usw.), am Wettbewerb, an Nachfrage, am Einkommen der Konsumenten, usw. Die Konsumenten würden, zusätzlich zum Broterwerb, viel Energie bei der Suche nach dem günstigsten Preis verlieren. Dies würde somit dem Miteinander entgegenwirken. Die Wirtschaft werde somit ein milliardenschweres Entsolidarisierungsprojekt betreiben, dass bereits begonnen hat.

 

Prinzipiell steckt, hier ist sich die Wissenschaft einig, in jedem Menschen ein anti-kapitalistisches Bedürfnis, dass mittlerweile jedoch heimatlos geworden ist. Daher wird eine Idee der „Sozialen Vernunft“ als Antwort auf den sich radikalisierenden Kapitalismus benötigt. Es verbreitet sich unter der Bevölkerung das Bedürfnis nach Reparatur unserer Gesellschaft. Der potentiell zukünftige Akteur der sozialen Vernunft könnte der Akteur der neuen Klassen nach Marx beim Untergang des Kapitalismus sein.

 

Ob der Akteur aus der Politik kommen wird, ist dabei völlig offen. Es wäre auch denkbar, dass Akteure aus der Wirtschaft, die erkennen werden, dass sie arbeitslosen Gesellschaften nichts verkaufen können, mit neuen sozialen wertebasierten Währungen neue Klassen bilden.

 

Der tief einschneidende gesellschaftliche Wandel, ungeachtet, welche Richtung sich durchsetzt, wird die Menschen in klare Schichten unterteilen. Die Bedürfnisse dieser Schichten werden einerseits eindeutiger zu beschreiben sein als die derzeit noch existierende breit-gefächerte Mittelschicht. Andererseits werden die Menschen durch die geringeren Aufstiegschancen weniger häufig zwischen den Schichten wechseln können. Für das Marketing bieten sich somit zahlreiche neue Möglichkeiten an. Zum Beispiel wird die Identifikation geografischer und virtueller Orte dieser Schichten leichter möglich sein (auch ohne GPS und Schufa-Scoring), ebenso die Aufsplittung der Schichten in präzisere Zielgruppen und die damit verbundenen präziseren Individualisierungs-Optionen. Durch die geringeren Wechselchancen zwischen den Schichten werden die Konsumenten länger denselben Zielgruppen zugehörig sein.

 

Doch es wird nach wie vor auch einheitliche zielgruppen- und schichtenübergreifende Bedürfnisse und Sehnsüchte geben.
Die Konsumenten der Länder des alten Europas benötigen, um sich selbst als erfolgreich bezeichnen zu können, mehr als nur den Aspekt des hohen Einkommens (anders als beispielsweise die praktisch-orientierten Menschen in den USA). Die alte Kultur benötigt eine Rückkehr zu einem philosophischen Fundament. Das Bewusstsein, dass alles im Wandel und Veränderungen unterlegen ist, auch die eigene Existenz und die der Kinder, weckt die Sehnsucht der Menschen nach etwas, was über den eigenen Tod, dem Ende der Welt und dem des Universums hinaus noch Bestand hat. Unternehmen die sich dieser Herausforderung stellen, ihren Brand rechtzeitig ändern und im Außenverhältnis entsprechend auftreten, werden mittel- und langfristig erfolgreich sein. „Vorsprung durch Technik“ wird nicht mehr ausreichen.

 

Leiter Forschung für künstliche Intelligenz und maschinelles LernenAutor: Rüdiger Off

Position: Forschung & Entwicklung, Produktentwicklung

Profil: Rüdiger Off
2018-01-06T18:55:31+00:00